Geschichte vom blauen Schaf

ArbeitskleidungDas war tatsächlich mal meine Arbeitskleidung.
Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich in dem Freizeitpark gearbeitet habe. Wenn die Kinder im Indianerdorf malten, die Wartezeit an den Indianerkanus zu lang war oder im Spätherbst das Feuer angezündet war, erzählte ich den Kindern immer Märchen und Geschichten. Ich war immer wieder erstaunt, dass auch die Erwachsenen, die Vati und Muttis, die Großeltern oder Onkels und Tanten zuhörten.

Wo ich diese Geschichte her hatte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß aber, dass sich einige meiner ehemaligen Kollegen noch an mein „blaues Schaf“ erinnern können. Das freut mich nun wieder sehr.
Wißt ihr was? Ich erzähle euch einfach mal meine Version der Geschichte.

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Hoch oben in den Bergen, wo die Wiesen schön saftig und grün sind, lebte ein Schäfer mit seiner Mutter. Jeden Tag trieb er seine Herde hinaus auf die Wiesen und abends wieder in den schützenden Stall. Der Schäfer war stolz auf seine Schafe, denn sie hatten ein wunderschönes weiches und weißes Fell.
Einmal im Jahr, nach der Schafschur, kam ein Wollhändler ins Dorf. Er war jedes Mal wieder begeistert von der schönen weißen Wolle des Schäfers und kaufte sie ihm ab.

Als die Mutter des Schäfers ihm eines Tages gegen Mittag das Essen auf die Weide brachte, bemerkte sie ein neugeborenes Lamm. Es hatte aber nicht blütenweißes Fell wie die anderen Tiere. Es war blau.
„Ach du meine Güte“, begann der Schäfer zu jammern. „Blaue Wolle, das gab es noch nie! Was soll denn nun werden? Solche Wolle kauft der Wollhändler nicht. Immer war die Wolle weiß, und nun das!“
Der Mutter fiel ein, dass sie zu Hause ein Mittelchen hatte, welches die Gardinen weiß strahlten ließ, wenn man sie darin wusch.  Das Schäfchen musste in den Waschzuber. Es bekam Kalk zu essen und der Schäfer und seine Mutter färbten ihm sogar das Fell. Alles half nichts. Die Wolle wuchs immer wieder blau nach.
„Dann nimm halt du nach der Schur die Wolle“, sagte die Mutter. „Ich werde dir daraus einen Schal und Handschuhe stricken.“

Wieder war ein Jahr vergangen. Wie jedes Jahr kam der Wollhändler ins Dorf. Der Schäfer hatte seine schöne weiße Wolle ausgebreitet. Der Wollhändler aber hatte nur Augen für den Schal und die Handschuhe des Schäfers und fragte, ob er die haben könne. Dem Schäfer war es peinlich, dass er vergessen hatte, die blauen Sachen vor dem Wollhändler zu verstecken. Widerstrebend gab er ihm Schal und Handschuhe.

Einige Zeit später brachte der Wollhändler ein beachtliches Säckchen Gold zu unserem Schäfer.
„In fernem Lande habe ich deinen Schal und deine Handschuhe verkauft. Man war begeistert von der schönen blauen Wolle. Gib mir mehr davon und ich mache dich reich.“

So sehr der Schäfer und seine Mutter auch nach dem blauen Schaf suchten, die Herde bestand nur aus Schafen mit blütenweißer Wolle.

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