Sie waren unsere Nachbarn, sollen es wieder werden und blieben. Auf den Spuren jüdischer Musikkultur.

Gedenktafel an die Ez Chajim SynagogeFoto: Gertje Edelmann

Gestern war ich mit der Gertje von Inch’s Blog zum Wandelkonzert „Auf den Spuren jüdischer Musikkultur“, veranstaltet von der Leipziger Notenspur. Wandelkonzert heißt, dass die Besucher verschiedene Orte aufsuchen, um dort ein Konzert der besonderen Art genießen zu können. Es wurde erinnert an ehemalige jüdische Musiker, Komponisten, Kantore und Gewandhauskapellmeister, und ebenso an ihre Wirkungsstätten.

Mich hat dieser Abend sehr berührt, nicht nur wegen des Kunstgenusses, welcher uns geboten wurde. Noch während die Bläser vom Komödienblech (Musikalische Komödie Leipzig) spielten, fing es an zu regnen. Kurzerhand wurde der Auftritt des Leipziger Synagogalchores nach innen verlegt, in die Thomaskirche. Synagogalchor und Thomaskirche, passt das zusammen? Oh, ja! Griseldes Wenner, die den Abend moderierte, erinnerte daran, dass sowohl die Thomaskirche als auch die ehemalige Synagoge in der Gottschedstraße Orgeln vom gleichen Orgelbauer hatten. Wilhelm Sauer baute für beide Häuser. Wenn in der Synagoge mal Chorstimmen fehlten, dann kam es auch vor, dass die Thomaner aushalfen.

Und nun saß ich in der ehrwürdigen Kirche und lauschte dem Leipziger Synagogalchor. Der stand auf der Empore, auf der auch der Thomanerchor bei Gottesdiensten steht. Das schlechte Wetter hatte sich offensichtlich verzogen, denn durch ein großes Fenster im Hintergrund der Empore schien die Sonne.
Da hockte ich nun im Gestühl der altehrwürdigen Kirche. Sie war auch mir offen, obwohl ich kein Christ bin und auch keiner werde. Das verlangte auch keiner von mir und genau für diese Erfahrung bin ich mehr als dankbar. Ich finde es gut und richtig, dass nicht immer Trennendes betont wird, sondern eher das Beachtung findet, was verbindet. In der Thomaskirche, gestern Abend, fühlte ich ganz stark eine Gemeinschaft. Manchmal hatte ich Blickkontakt zu anderen Besuchern. Ich wusste nicht, welchen Glaubens sie waren, ob sie überhaupt einer Religion angehörten, aber es war so etwas wie ein Verstehen da. Das, was sich in den Progromnächten im November 1938 abgespielt hat, darf sich nicht wiederholen. Es ging und geht um Mitbürger, Nachbarn. Die, die in der Zeit des Nationalsozialismus nicht geduldet waren, sollen unvergessen bleiben,  die, die unsere Nachbarn sind, sollen es bleiben und die, die kommen wollen, sollen Nachbarn werden.

Der Abend endete mit zünftiger Klezmer-Musik, dargeboten durch die „Rozhinkis – A kleyne Kapelye„. Die Lebensfreude, die sich in dieser Musik wiederspiegelt habe ich mit nach Hause genommen.

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