Der Absetzer – ein Riese aus Stahl. Meine Jugendliebe aus dem Tagebau.

Zeichnung Absetzer im Tagebau
Absetzer im Tagebau, Zeichnung Gudrun Ebert

Nein, ich bin kein Verfechter der Energiegewinnung durch Braunkohle, aber mit diesen Riesen bin ich groß geworden.
Unmittelbat an unserem Haus vorbei rumpelten die Kohlezüge. Meine Schwägerin wollte uns immer nicht besuchen, weil sie keine Nacht zum Schlafen kam. Das Haus wackelte, wenn die tonnenschweren Loren vorbeizogen. Ich habe das als Kind nicht wahrgenommen und auch nicht, dass die Luft nach Kohle schmeckte. Abends hörte man die Bagger und Absetzer quietschen. Ich kannte es nicht anders.

Kurz vor dem Abitur waren Werber von der Bergakademie in Freiberg bei uns an der Schule. Sie warben für ein Studium an ihrer Akademie und ich war ernsthaft am Überlegen, das zu tun. Der Bergbau spielte eine große Rolle in unserer Familie. „Das ist keine Arbeit für eine Frau“, war allerdings der Familientenor und ich ließ mich davon leiten.
Als Student habe ich in den Semesterferien in den Tagebauen um Leipzig gearbeitet. Die zahlten immer ganz gut und ich konnte jeden Groschen gebrauchen. In den Pausen packten wir Mädels uns gerne mal in den Schatten des Absetzers auf die Gleise. Die Ketten schepperten laut, wenn sich die Schaufeln in den Abraum wühlten. Riesige Tranportbänder beförderten Erde und Steine an den Rand des Tagebauloches und kippten mit Getöse alles nach unten. Mich hinderte der Lärm nicht am Schlafen.  Nur einmal erlaubte sich die Besatzung des Absetzers ein Späßchen und ließ die Warnhupen erschallen. Die hört man durch den ganzen riesigen Tagebau. Ich bin wahrscheinlich noch nie in meinem Leben so schnell aufgesprungen und geflohen.

Ach ja, wer meine große Liebe war oder ist wollt ihr wissen?
In einigen Tagen fahre ich zu meiner Freundin Hella nach Neukieritzsch. Wir werden auch eine Tagebau-Tour machen. Hach, wie ich mich freue, auf die Hella und auf meine große Liebe. Keine Angst, jetzt kommt keine Liebesschnulze.  Bei Hella nebenan steht noch altes Tagebaugerät, und vielleicht auch ein Absetzer. Den  Koloss aus Stahl hätte ich für mein Leben gerne mal gefahren, aber das war ja keine Arbeit für eine Frau.

 

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