Stricken auf dem Bürgeramt

Vierzig Leute waren vor mir dran. Vierzig!
Das wurde mir schmerzhaft klar, als ich die Nummer auf meinem Zettel mit der auf der Anzeigetafel verglich. Ich war  schon dabei, die Backen aufblasen, um laut und vernehmlich „Dampf“ ab zu lassen. Es wurde aber schließlich doch nur ein leichtes Lüftchen.
Was soll’s, hocke ich mich eben hin und stricke.

Irgendwie muss das gleichmäßige Schlingen der Maschen sehr beruhigend sein. Neben mir saß ein Herr, der mir erst sehr interessiert zusah, dessen Augen aber mit der Zeit immer kleiner wurde.
Als ich dann endlich doch noch aus der Amtstube heraus kam, fragte er mich: „Na, alles erledigt?“
„Nö, ich muss noch mal kommen. Aber so wird die Jacke für den Winter wenigstens fertig.“
Manch einer konnte sich das Grinsen nicht verkneifen.

Ein Freund meinte dann noch, dass ich es doch mal kundtun soll in Leipzig: Montags, zwischen 10 und 12, Stricken auf dem Bürgeramt. Ich glaube, das ist gar keine schlechte Idee, aber ich getrau mich im Moment rein gar nichts.

Gestrick aus dunkler Eiderwolle
Gestrick aus dunkler Eiderwolle

Ach ja, drei Weisheiten muss ich noch loswerden:

  • Wer strickt ist die Ruhe selbst.
  • Wenn man aus einer Masche drei herausstricken soll gibt es keine häßlichen Löcher, wenn man je eine rechtsverschränkt aus dem Querfaden vor und nach der Masche herausstrickt. Plus der eigentlichen Masche sind es dann auch tatsächlich drei.
  • Manch „schwarzes Schaf“ gibt eine besonders feine Wolle.

Tschüss, bis vielleicht demnächst zum Stricken auf dem Bürgeramt. 😉

 

16 Kommentare zu “Stricken auf dem Bürgeramt

  1. Da es mir an handarbeitlichen Fähigkeiten mangelt, lese ich in Wartezimmern stets. Und immer, wenn’s im Buch besonders spannend wird, werde ich aufgerufen. 😉
    Was soll denn das heissen, daß du dich im Moment gar nichts getraust? 😯
    Liebe Grüße!

    1. Gelesen habe ich bisher auch immer. Jetzt sind halt mal die Handarbeiten dran. Das beruhigt so schön, und ganz nebenher entstehen dann noch meine Muster. 🙂
      Liebe Margot, herzliche Grüße zu dir.

  2. Meine liebe Gudrun,
    das war ja eine tolle Sache.
    So kommt man wenigstens zu was.
    ich muss meinen Pullover immer noch zusammennähen und einen Halsausschnitt stricken. Der nächste Winter kommt bestimmt.
    Hihi, eine super Idee, kannst bestimmt einigen das Stricken beibringen.
    Gestern auf dem Mittelaltermarkt war eine Spinnerin aus Erfurt, sie glaubt, dich zu kennen.
    deine Bärbel

    1. Erfurt ist aber noch ein Stückchen weg von hier. Aber wer weiß, wann sich Wege manchmal kreuzen. 🙂 Der letzte Winter war ja nicht so streng. Da durfte ein Pullover schon mal liegen bleiben.
      Liebe Grüße von der Gudrun

  3. Ich habe früher auch überall gestrickt. Die Wartezeit war damit immer gut zu ertragen. Irgendwie fehlt mir, obwohl ich gerade so viel Zeit hätte, die Muße zum Stricken. Dafür habe ich bereits vier Bücher hintereinander gelesen. Das klappt wirklich immer nur, wenn ich krankheitsbedingt ans Haus gefesselt bin.
    Liebe Grüße von
    Elvira

    1. Naja, ein Gutes muss es ja wenigstens haben. 🙂
      Ich bin gerade am Ausprobieren von Mustern. Filigranes wird nichts aus Schafwolle. So gibt es eben erstmal Schutzhüllen für allerlei Rechentechnik, und dann eine Jacke für den Winter. 🙂
      Liebe Elvira, ich wünsch dir gute Besserung und grüß dich herzlich.

  4. Du solltest wirklich eine Satire darüber schreiben und veröffenltichen. Musst ja nicht das Bürgeramt speziell erwähnen, einfach die Wartezeiten auf Ämtern. Stricken geht allerdings bei mir nicht. Ich werde, wenn mal nötig, mein tablet mitnehmen 🙂

    1. Ja, irgendwann mache ich das mal. 🙂 Das ist das Gute am Stricken, dass man alles mitbekommt, was im Raum passiert.
      Das Tablett habe ich auch noch im Rucksack, falls ich das Stricken mal satt habe.

  5. Dann sollte ich wohl auch wieder mit Stricken anfangen, denn gestern beim Orthopäden musste ich seeeeeeeeeehr lange warten, ein Schal wäre dabei bestimmt fertig geworden 😀
    Aber es gab einen Fernseher und richtig gute Informationen.
    Das war auch nicht übel 😉

    LG Mathilda ♥

  6. 🙂 KLASSE Idee,, so bist Du doch glatt der Stressfalle entkommen!;-)
    Bei mir ist es dann eher ein gutes Buch was mir in solchen Situationen hilft.
    Die Wolle und was daraus entsteht sieht
    klasse aus.
    Liebe Grüße von : Beate

    1. Das Muster gefällt mir. Ich zeige es, wenn alles fertig ist nochmal. Die selbstgesponnene Schafwolle ist etwas dicker und nie ganz gleichmäßig. Da sind ganz feine Muster nicht geeignet. Zopf wollte ich nicht schon wieder.
      Ich habe gelesen, dass Stricken das Gehirn ganz schon trainiert. 🙂 Fein, dann hat es noch einen guten Nebeneffekt.

      Liebe Grüße an dich und einen Streichler für die Priska.

  7. Eine neue Geschäftsidee!!! Du erledigst für andere die Behördengänge. Für dich ein zusätzlicher Verdienst und zusätzlich strickst du noch einige Teile.
    Du traust dich im Moment nicht?
    Denk dran, du kannst alles, du schaffst alles.
    Ganz liebe Grüße
    von Bärbel

    1. Eigentlich wäre das eine gute Idee, und eine effiziente noch dazu. 😀
      Ich hatte wirlich einen ganz gewaltigen Hänger, liebe Bärbel. Ich konnte nicht schreiben, nicht zeichnen und je länger dieser Zustand dauerte, um so größer wurde der Druck und das schlechte Gewissen. Ich glaube, jetzt habe ich mich wieder am Kragen.
      Schön, dass du mich hier besucht hast.
      Herzliche Grüße an dich

Comments are closed.