Die schlimmste Katastrophe ist das Vergessen. Die Apelsteine in Leipzig, ein Plakat und Fragen?

S-Bahn-Unterführung in Leipzig-Lindenau
Am Ende des Tunnels

Bei einem Freund war ich gestern Fische füttern. Ich habe das gern gemacht, weil er auch mal meine Katzen versorgen kann, wenn ich nicht da bin. Es ist mir gerade nicht nach langen Fußmärschen, aber das Wetter war gut und so beschloss ich, die ganze Strecke zu laufen. Mein Orthopäde meint immer, dass ich den Wiederspruch lösen muss, Schmerzen zu bekämpfen, indem ich mir erstmal welche zufüge. Klingt doof, ist aber wahr.
Ich bin ganz gerne mal alleine unterwegs, weil ich dann das Tempo bestimme, meinen Gedanken nachhängen kann nach Herzenslust und auch alles entdecken und bewundern kann, was so am Weg liegt.

Auf dem Weg von Leipzig-Grünau nach Lindenau komme ich immer an einem Apelstein vorbei. Ich möchte ganz schnell erklären, was das ist.
Zwischen 1861 bis 1864 ließ der Leipziger Bürger und Schriftsteller Theodor Apel aus eigenen Mitteln Gedenksteine aufstellen an den wichtigsten Orten des Geschehens zur Völkerschlacht bei Leipzig. Haben die „Steine“ einen spitzen Kopf, sehen aus wie ein umgedrehtes „V“, dann steht der Stein für die Verbündeten. Haben die Steine einen runden Kopf und tragen auch noch ein „N“, dann betrifft es Napoleons Truppen. Apel wollte allen gedenken.

Vor einiger Zeit habe ich Zeitzeugenberichte aus der Zeit der Völkerschlacht gelesen. Ein Student beschrieb das Schlachtfeld bei Lindenau als er sich mit einigen anderen, Tage nach der Schlacht, aus der Stadt wagte. Das war ganz an dem Ort, wo jetzt der Gedenkstein steht und wo ich unbekümmert und ohne Angst entlang gehen konnte. Bem Lesen des Berichtes kamen mir damals die Tränen.

Ich weiß nicht, ob jeder weiß, was das für ein Stein ist, mitten in der Stadt. In Leipzig und Umgebung gibt es 50 Stück davon. Ich weiß auch nicht, ob noch daran gedacht wird, warum Apel sich eine solche Mühe gemacht hat.
Zwar hat Leipzig später noch einige schlimme Kriege durchleben müssen, aber seit Jahrzehnten ist Frieden, und man ist ganz schnell geneigt, dies ohne großes Nachdenken als die unbedingte Normalität anzunehmen. Ich persönlich kenne Krieg nur aus den Erzählungen meiner Eltern. Und aus Fernsehberichten. Jeden Tag ballert es Nachrichten, so schlimm und inzwischen so nahe, dass man eigentlich gar nicht mehr hinhören und -sehen möchte. Da wird von deutscher Verantwortung geredet, eindringlich und im harten Tonfall,  und wie wichtig Waffenlieferungen sind, und eben auch Militäreinsätze. Ach, wisst ihr, in den Kriegsgebieten änderten sich schon mal Frontverläufe. Die Waffen aber blieben. Und wer sagt uns denn, dass sie uns und unseren bequemen Fernsehsessel nicht eines Tages auch wieder treffen werden, wenn wir weghören und wegsehen? Stellt dann auch wieder jemand, Jahre später, einen Gedenkstein auf?

Am Ende der Demmeringstraße in Leipzig lief ich direkt auf ein Plakat der „Caritas“ zu. „Die schlimmste Katastrophe ist das Vergessen“ stand da in großen Lettern. Und irgendwie passte es zu meinen sonntäglichen Gedanken.

Comments are closed.