Eine Freundschaft, eine Kräuterstunde und der Versuch, sich etwas von der Seele zu schreiben.

Gestern war ich mal wieder mit dem Kräuterkorb unterwegs. Den Korb hatte ich schon am Tag vorher gepackt, alles nach dem Ablauf der „Kräuterstunde“ einsortiert. Nach Neukieritzsch komme ich mit der S-Bahn. Beim Umsteigen auf dem Leipziger Hauptbahnhof schauten mich zwei Frauen etwas scheel an. „Die Russen sind aber auch überall“, meinte die eine zur anderen mit Blick auf meinen Korb. Ach, Gottchen! Mädels ein Korb ist nun mal keine Gucci-Handtasche. Es ist schon interessant, wie schnell Meinungen entstehen und gepflegt werden.

In Neukieritzsch holte mich meine Freundin Hella ab. Zusammen fuhren wir zur Selbsthilfegruppe für Behinderte. Hella ist da Chefin, Schatzmeister, Mädchen für alles. Es ist nicht das einzige, wofür sie sich unermüdlich engagiert, aber dazu später.

Wie immer war ich aufgeregt. Ich wusste auch nicht, wie lange mir die Gruppe zuhören kann, ob die Konzentration reicht, ob ich sie überfordere. Ich hatte kleine Geschichten im Gepäck und Kräuter zum Anschauen, Anfassen, Riechen.
Es wurde immer lauter im Raum. Jeder hatte plötzlich etwas zu erzählen. Ein Herr erzählte, wie er mit seiner Oma immer Kräuter gesammelt hat. Oh, ist das lange her, aber ich erinnerte ihn wohl an die Oma. Eine Frau erzählte mir, dass sie Lavendel so sehr liebt. Sie sieht zu, dass sie immer Produkte mit Lavendelduft zu kaufen bekommt: Seife, Putzmittel, Aufwaschmittel … Ich hatte Lavendelsäckchen mit, kleine selbstgestrickte Säckchen mit getrockneten Lavendel aus dem Garten drin. Ich habe sie ihr geschenkt. Liebevoll beschützt hielt sie die Säckchen in ihren Händen. „Jetzt haben Sie mir eine große Freude gemacht“, sagte sie leise. Ja, so einfach ist das! Die Säckchen in den alten Händen der Frau, fest an die Brust gedrückt, ging mir den ganzen Abend nicht mehr aus dem Sinn. Ich habe noch Wolle und Lavendel. Wenn ich im Februar zum Filzen nach Neukieritzsch fahre, werde ich genügend Lavendelsäckchen mitnehmen.

Der Abschied war herzlich. Es tat auch mir gut, wenn einige etwas länger meine Hand festhielten, wenn ich auch mal gedrückt wurde und als jemand sagte: „Jetzt bin ich mal wieder auf andere Gedanken gekommen.“

Hella brachte mich dann wieder zum Bahnhof.
Meine Hella, die immer in Eile ist, weil sie arbeiten geht, sich nach der Arbeit in verschiedenen Vereinen engagiert, und Gemeinderätin ist. Im Gemeinderat sitzt sie für Die Linke. Sie macht ihre Arbeit gut, denke ich, denn wenn man mit ihr im Ort unterwegs ist, kommt man aus dem Grüßen nicht mehr heraus. Ständig wird sie angesprochen auf dies und jenes. Sie nimmt sich Zeit, hört zu.

Wir beide haben einen Anrufplan. Den brauhen wir, denn einfach mal so anrufen geht meistens nicht.
„Ich muss nach Dresden ins Staatsarchiv.“
„Ich muss zur Ausschusssitzung.“
„Ich muss gleich weg. Heute ist doch Behindertengruppe.“
Hella ist ständig unterwegs, nimmt da auch keine Rücksicht auf sich und ihre schmerzende Hüfte. Manchmal sage ich zu ihr: „Na, du Drachenbrut.“ Hella lächelt dann und wischt den Satz weg mit einer flüchtigen Handbewegung.

Jeder, der hier lebte, musste seinen Weg finden in der Gesellschaft. Die einen gingen, andere blieben. Die, die geblieben sind, wussten, dass es nicht leichter wird. Ich weiß manchmal nicht, wo Hella ihre Kraft hernimmt. Sie hat sich nie angepasst, damals nicht und auch heute nicht.
Neulich sagte ein DDR-Bürgerrechtler, den ich sehr schätze, in einem Interview: “Am liebsten würde ich die DDR wiederhaben. Nicht, um sie zu behalten, sondern um sie nochmal abzuschaffen. Ich würde vieles anders machen.“

Oh, es war heute verdammt viel Text. Ach, manchmal muss eben auch ich mir einiges von der Seele schreiben. Wenn’s gepoldert kommt, dann kommt’s alles auf einmal.
Im Februar werde ich mit Wolle und Filznadeln wieder nach Neukieritzsch fahren, mit Korb, versteht sich. Große Weltpolitik ist das nicht, aber eine Möglichkeit, mit kleinen Dingen und ganz persönlich, ein wenig Wärme zu geben.

Ich möchte nach vorne schauen.

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