Leipzig-Grünau im Februar. Tagträume in der Großwohnsiedlung.

In einem altwürdigen Stadtteil von Leipzig wohne ich nicht, sondern in einer in den 1970er und 80er Jahren angelegten „Großwohnsiedlung“. Ich wohne in der „Platte“, deren Ruf schlechter ist als es sich tatsächlich hier wohnt.

Noch sind die Linden in meiner Allee kahl, aber wenn die Sonne scheint, ist es zu jeder Jahreszeit schön. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn das viele Grün um mich herum zu neuem Leben erwacht. Die Landschaftspfleger hatten ganze Arbeit geleistet. Büsche und Bäume waren akkurat verschnitten, die Wege waren vom Laub befreit und frisch geharkt. Trotzdem fand ich noch schöne, dünne, rote Gerten. Erinnert ihr euch? Ich muss mein Körbchen nochmal flechten.

Ich wohne ganz gerne hier. Und dennoch fehlt mir einiges:

  • Zum einen ist es Kinderlachen. Ich finde, das ist ein Wohngeräusch, welches immer angenehmer wird,  je älter man wird. Es ist ja nun schon ein Weilchen her, dass die eigenen Kinder lärmten. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft gibt nicht viele Kinder, eher recht viele älter, stille Menschen.
  • Dann fehlen mir kleine Kramläden oder Werkstätten, so wie es sie in Lindenau und anderswo zum Beispiel gibt, mit Krimskrams, mit kreativen Werken der Ladeninhaber, denen man auch mal über die Schulter schauen darf, wo viele verschiedene Sitzgelegenheiten zu finden sind (*) und man auch mal nebenher ein Schwätzchen machen und vielleicht einen Tee oder Kaffee bekommen kann. (* Meine Mutter sagte zu so etwas „aus jedem Dorf ein Hund“.) Es ist ja nicht so, dass ich hier nicht einkaufen kann. Zwei große Einkaufszentren sind hier und auch alle bekannten Supermarktketten. Das ist angenehm, aber das meine ich nicht.
  • Mir fehlen Begegnungsstätten. Ich habe das Gefühl, dass hier viele Ideen schlummern, aber viele alleine wuseln. Und so wünsche mir Orte außerhalb der eigenen Wohnung, wo sich Kreativität entwickeln kann ohne strikte Vorgaben. Die Gemeinschaft entscheidet und dann ziehen die Macher ein, der eine mit seiner Staffelei, der ander mit Strickzeug oder seiner alten Druckerpresse. Ich wünsche mir einen lebendigen Stadtteil, einen für die Menschen, die darin wohnen und denen man beim Tätigsein hilft, weg von einer einfachen Wohn- und Schlafstadt.

Wie sehr sich ganz neue Ideen und Sichten entwickeln, wenn man nur miteinander redet, habe ich heute erfahren. Darüber werde ich bestimmt noch zu schreiben haben. Und jetzt aber raus! Die Sonne lockt.

 

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