Die Spinnstube nicht nur für Schafwolle. Einige Fragen und Worte in eigener Sache.

die Spinnstube
grau wie Fensterkitt – der Sauerteigansatz in der Spinnstube

Was macht Sauerteig in der Spinnstube? Grau wie Fensterkitt, unscheinbar, unspektakulär – so sieht er aus, der jetzt drei Tage unter öfterem Umrühren reifen muss. Grau? Warum zeig ich’s dann? Der Frühling kommt. Hat die Welt jetzt nicht bunt zu sein, mit vielen Blumen und Sonnenschein?
Genau darüber muss ich einige Worte los werden.

Warum schreibe ich über (m)eine Spinnstube?

Seit fast fünf Jahren blogge ich nun schon über meine Spinnstube. Was aus einer Laune heraus entstand ist zum Planungsinstrument für mich geworden. Es hat sich einiges geändert im Laufe der Zeit und es gab auch Momente, wo ich ernsthaft darüber nachgedacht habe, das Bloggen zu lassen. Ich hätte auch ohne Blog keine Langeweile. Irgendwie habe ich so eine Ahnung, dass ich es noch brauche.

Hauptaugenmerk wird immer meine Wolle sein, das Waschen, Kämmen, Spinnen.
Aber, es sind viele andere Projekte dazu gekommen. Ich war auf der Suche, habe probiert und letztendlich festgestellt, dass für mich auch alles irgendwie zusammenhängt. Heil- und Wildkräuter sammeln, Essen von der grünen Wiese, Wolle färben mit Naturmaterialien, Haushaltshelfer, Seife und andere Körperpflegemittel selber machen – eins kam zum anderen und es ist für mich richtig schön zu erleben, wie sich Materieal sammelt, was bald mal „gebündelt“ werden sollte.

In meinem Spinnstübchen wird nicht nur Wolle gesponnen, aber Spinnradgeschichten wohl noch so einige.

Kann man Träume leben wenn bestimmte Gegebenheiten dagegen wirken?

Ja, ja und nochmals ja.
Wenn sich doch noch die Gelegenheit bieten sollte, in einem Haus leben zu können mit einem Holz-Küchenofen, dann werde ich sie annehmen. Jetzt ist es so, dass meine Spinnstube bei mir zu Hause ist, in einer Zwei-Zimmer-Stadt-Wohnung, und mein Kräutergarten auf Balkonien oder in den Schönauer Lachen vor der Tür. Es gab schon eine Zeit, wo es mich belastet hat, wenn es mit einem Projekt nicht weiter ging, weil ich hätte etwas kaufen müssen. Größere Anschaffungen oder Investitionen sind nicht drin. Und weil sich daran auch nichts ändern wird, bin ich eben auf der Suche nach all dem, was uns die Natur ganz umsonst bietet. Generationen vor mir haben das vorgelebt. Und wir vergessen das einfach manchmal.

An Supermarktkassen ist es oft langweilig, weil es nicht aufzuhören scheint, was jemand vor mir genervt auf’s Band packt. Ich mache mir dann immer ein Spiel daraus und überlege, ob ich jetzt neidisch sein soll, genau das alles nicht zu haben. Irgendwann stellte ich erstaunt fest, dass ich nicht neidisch sein muss, weil ich vieles gar nicht mehr haben möchte. Hatte mich das Leben erzogen? Ich denke ja.
Manchmal kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen, denn es gibt Leute, die labern das Netz voll mit ihrem Gewetter über das maßlose Konsumverhalten und gleichzeitig feiern sie sich und ihre neusten Errungenschaften. Oh, manches Stück Torte kann nicht groß und fettig genug sein.

Manches kann ich in meiner Spinnstube nur einmal ausprobieren. Den Herd einen halben Tag anzulassen, nur weil etwas lange köcheln muss, halte ich für mehr als groben Unfug. Pflaumenmus werde ich mir also kaufen, das Mühlhausener, denn es schmeckt wie selbstgemacht. Ach, es gibt schon noch genug Projekte, die mich nicht in den finanziellen Ruin treiben. Da fällt mir ein, dass ich immer noch nicht ein vernünftiges Körbchen hinbekommen habe aus den Gerten der Grünauer Büsche und die Zwiebelschalen, die ich zwei Jahre gesammelt habe, müssen nun endlich Wolle färben.

Gibt es sie, die ganz persönliche Naturverbundenheit?

Klar.
Notgedrungenerweise habe ich mehr Zeit als andere, die natürlichen Gegebenheiten meiner Umgebung zu erkunden. Auf dem Dörfchen lebte ich quasi mittendrin, aber auch hier in meiner liebsten Lieblingsstadt habe ich meine Kräuterwiese, meinen Kulki (Kulkwitzer See), die Parkbank und anderes. Ich werde jetzt mal langsam mein Radel putzen.

Meine Ausflüge in die Natur, die mir so lieb geworden sind und die ich brauche wie die Luft zum Atmen, fingen vor Jahren ganz dramatisch an. Ich war losgezogen, um mich aus dem Staub zu machen, vom Acker, weil ich das Gefühl hatte, dass mein ganzes bisherige Leben und ich mit in einen tiefen Graben gerutscht war und ich nicht wusste, wie ich da wieder heraus kommen sollte. Getroffen an diesem Tag habe ich die Hütehunde, später Schafe und Wolle, viel Wolle und Freunde, Ruhe, Ausgeglichenheit, Frieden.

Streifzüge hinaus unternehme ich immer noch, allerdings ohne trübe Gedanken. „Die Natur“ hat mich wieder frei atmen lassen. Jahre sind seit dem Drama, der Rutschpartie, vergangen. Ich bewege mich mal wieder auf einen runden Geburtstag zu, weiß noch nicht, ob ich das toll finden soll. Egal, auch in zehn Jahren noch werde ich versuchen auf das aufzupassen, was um mich her ist.
Raubbau regt mich genau so auf wie übertriebener Aktionismus.

Meine beiden Helfer zur Neuorientierung und zu meiner Spinnstube
Bei den Hütehunden hatte ich mich eingemischt und würde es wieder tun. Wir taten uns gegenseitig gut.

Soll man sich einmischen, auch wenn es unbequem ist?

Unbedingt.
Irgenjemand schrieb mal auf seinem Blog, dass Politik im privaten Blog nichts zu suchen hätte. Ich sehe das ein bissel anders. Nein, ich kann eh nicht die ganze Welt retten, aber einmischen kann und werde ich mich schon so ab und zu. Für mich gibt es nicht „die da oben“, die alles so zu richten haben, wie es mir “ da unten“ gerade mal Recht ist. Fragt mal die, die montags in meiner Stadt nach nationaler Gerechtigkeit brüllen, wann sie das letzte Mal bei sich zu Hause zur Abgeordnetensprechstunde oder zu einer öffentlichen Ratssitzung waren. Dass man nichts tun könne außer zu Wahlen zu latschen, ist einfach falsch. Angebacht wäre allerdings, einwenig aufzupassen, dass nicht demokratische Mittel heimlich still und leise verschwinden, eingeschränkt werden. Es gibt schon einige Anzeichen, in Sachsen und anderswo. Wahrheiten muss man nicht in der „BILD“ suchen.

Manchmal kommt mir alles, was ich tue wie ein kleiner Fliegenschiss vor. Dann aber stelle ich mir vor, dass jede Menge Fliegendreck einen ganz ordentlichen Haufen ergeben kann. Tröstlich, oder?  🙂

Darf ich mir Zeit borgen für die Spinnstube, Projekte, Arbeit, Glück?

Schön wäre es.
So, genug gelabert. Ich mach dann mal weiter, werde noch einmal meinen Sauerteig-Ansatz umrühren und mich danach an die Wollwäsche machen. Flachs spinnen muss ich auch noch. Gold wird es bestimmt wieder nicht, aber ich will einen Faden aus Pflanzen mitnehmen zu den Kindern in Wyhra am Montag. Es ist noch einiges zu tun und es ist zeitaufwändig.
Aber wisst ihr was?
Ich mache das alles sehr gerne. Nein, ich bin alles andere als unglücklich und auch nicht mit mir zerstritten. Nur viel Zeit, durch das Netz zu stromern habe ich gerade mal wieder nicht.

 

22 Kommentare zu “Die Spinnstube nicht nur für Schafwolle. Einige Fragen und Worte in eigener Sache.

  1. Also ich bewundere dich, wie du nie aufgibst, und wie du versuchst, all das umzusetzen, was dir wichtig ist, egal, wie schwierig die Möglichkeiten (z. B. finanziell) sind.
    Ganz liebe Grüße!
    Linda

    1. Danke, liebe Linda, aber genau solche Blogger wie du haben mir immer wieder Mut und Kraft gegeben. Ich bin sehr froh, dass es euch gibt.
      Herzliche Grüße an dich.

  2. Weißt du, liebe Gudrun, wo ich mir dich gut vorstellen könnte – in einem „bewohnten“ Freilichtmuseum, in dem du tagtäglich den Besuchern das frühere Leben vorlebst. Davon gibt es so viele in den USA und in Canada, aber meines Wissens leider keines in Deutschland. Dort hättest du vom Kräutergarten bis hin zum offenen Herd alles, was du dir wünschst.
    Ich bewundere deine Lebenseinstellung wirklich sehr.

    1. Ja, das könnte ich mir auch vorstellen, liebe Ute. Es ist aber nicht ganz einfach, in so etwas reinzukommen, ohne jegliches Kapital. Ich werde trotzdem die Augen offen halten und bis dahin meinen Balkon umgestalten. Endlich einmal. 🙂
      Liebe Grüße an dich.
      Du warst immer eine von denen, die ganz viel Mut gemacht haben. Immer wieder. Danke, liebe Ute.

  3. Liebe Gudrun,
    Du weißt, dass ich Dich für Deine Aktivitäten und auch Deinen Mut bewundere. Natürlich helfen Dir meine Worte nicht, aber Utes Kommentar brachte mich auf das Museum Dahlem. Ich war schon so häufig dort und habe immer wieder über die Menschen gestaunt, die und das alte Handwerk so anschaulich nahebringen konnten: http://www.domaene-dahlem.de/museum/altes-handwerk/spinn-und-webgruppe/
    Vielleicht gibt es so etwas in Deiner Nähe?
    Liebe Grüße,
    Elvira

    1. Doch, doch, liebe Elvira, deine Worte helfen weiter. Wenn man im Kämmerchen sitzt und die Zweifel kommen und beginnen zu nagen, dann sind es genau solche Worte, die weiterhelfen.
      Auch, wenn ich über andere und ihre Projekte lese, irgendetwas nehme ich mir immer an und mit.
      Liebe Grüße nach Berlin
      (wo wahrscheinlich auch die halbe Stadt mit Brille gerade auf der Straße steht)

  4. ute42 nimmt mir fast die Worte weg liebe Gudrun. Du passt so perfekt in eine Märchendekoration oder in ein Freilichtmuseum. Und alles, was Du beginnst, erledigst Du mit voller Hingabe.
    Das Foto mit den Hütehunden ist eine schöne Erinnerung, Tiere sind so dankbar für Zuneigung. Sie spüren sofort, ob jemand Tiere mag oder nicht.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    1. Am. Montag darf ich in so einer Märchendeko werkeln, liebe Kerstin. Im Volkskundemuseum Wyhra werde ich auf der Tenne des alten Bauernhauses Flachs spinnen. Ich freue mich schon sehr darauf. 🙂 Das sind so die Sternstunden der Werkelei.
      Liebe Grüße in die Aue.

  5. Gudrun, ich bewundere dich immer wieder. Viel Zeit habe ich ja im Moment auch nciht und wenn es wieder klappt, dann bin ich wieder mehr hier.
    Alles Liebe von mir

    1. Liebe Vivi, ich weiß, dass bei dir gerade ganz viel los ist. Wir lesen uns wieder, wenn es nach Ostern wieder ruhiger geworden ist. 🙂
      Liebe Grüße in die Ferne.

  6. Liebe Gudrun,
    deine Zeilen rühren mich sehr an…. so dass ich meine, mir im Moment die passenden Wort fehlen. V.a. „alles andere als unglücklich“. Du bist für mich eine bewundernswerte Kämpfernatur mit einer Intuition für das Lebendige.
    Hier in dem was Du schreibst, erlebe ich die ganze Gudrun – authentisch. In deinen Worten liegt eine unmissverständliche Kraft. Wir haben ja so Manches miteinander beredet…
    Liebe Grüsse in die Herzenswohnung, von Mia

    1. Ja, wir haben so manches miteinander beredet. 🙂 Und das war gut so. Dein Buch gibt wesentliche Anregungen und auch der Entschluss, alles so anzunehmen, wie es nunmal ist, gab einen Schub. Zum Geburtstag werde ich mir Dinge für den Balkon gönnen und dann wird draußen gesponnen.
      Liebe Grüße zu dir.

      PS: Ich bin sehr froh, dich zur Freundin zu haben. Man kann sich austauschen und du geigst einem auch mal die Meinung. Ich find’s gut, weil es anspornt und Lösungen bringt. Zweifler, die einen auch immer ihren Pessimismus nicht bei sich behalten können gibt es genug.
      Ach ja, im Juni habe ich eine „Märchen-Lesung“. Hast du ein Märchen? Möchtest du mit? Dann machen wir ein Märchenstündchen draus. 🙂

    1. Das hätte ich mir gerne angesehen. 🙂
      Ach, ich hatte schon so einige Orte gefunden, lieber Emil. Es ist etwas schwer, da heran zu kommen.
      Wenn ich meinen Balkon so einigermaßen „ferdsch“ habe, hast du bestimmt mal in Leipzig zu tun. Oder?
      Gruß nach nebenan.

  7. Was du schon in deinem Leben durchgemacht hast, das ist enorm.
    Diese Rutschpartie war unerwartet und tat auch weh.
    Aber du fandest die Schafe, die Hunde, und das war ein Auffangen wie in Abrahams Schoß für dich.
    Du weißt, dass ich dich bewundere, deine Ideen, deine Einmischungen. Stimmt, ohne Demo geht es oft nicht.
    Dadurch werden die da oben doch ein wenig wacher.

    Für Montag wünsche ich dir jetzt schon alles Gute
    deine Bärbel

    1. Ach, nein, so außergewöhnlich war meine Rutschpartie nicht. Es traf hier viele und nicht jeder hatte so viel Glück, sich selbst so stark am Schlawittchen nehmen zu können. Insofern geht es mir gut, liebe Bärbel. Es gab schon Momente, in denen ich so richtig durchhing, aber die gingen vorbei.
      Die Tiere aber, die haben etwas geschafft, was ich nie für möglich gehalten hätte. 🙂
      Liebe Grüße an dich und P.

  8. Bravo, liebe Gudrun! Von ganzem Herzen „Bravo“ für diesen wundervollen Post und deine deutlichen und sehr kraftvollen Worte! <3
    Dieses Supermarkt-Kassen-Spiel betreibe ich auch sehr gerne. Ich beobachte auch häufig aufgebrezelte und aufgehübschte Menschen, und frage mich dabei, ob ich auf deren Schönheit, Klamotten, Schuhe, Frisur etc. neidisch bin. Und antworte dann stets im Brustton der Überzeugung "Nein!" Es braucht keine oberflächliche Schönheit…
    Ich bewundere dich, und deine schier unerschöpfliche Kreativität, deinen Fleiß, deine Ausdauer und Disziplin. Und vor allem deine Ernsthaftigkeit und Integrität. Du stehst voll und ganz hinter dem, was du tust und sagst.
    Ein ganz herzliches *Lieb-drück* aus München!

    1. Liebe M., du machst mich verlegen. Es waren so viele Irrwege dabei. Ich glaube, jetzt habe ich aussortiert, was für mich richtig und wichtig ist.
      liebe Grüße zu dir.
      Ps: Wir werden uns durchbeißen, gell?

  9. Ein toller Beitrag, liebe Gudrun. Es ist bewundernswert, wie du immer wieder aus nichts alles machst und dazu noch sehr zufrieden und ausgeglichen bist.

    Ich grüße dich herzlich,
    Anna-Lena

    1. Es war kein einfacher Weg, liebe Anna-Lena. Ich war nach anderen Werte- und Leistungsauffassungen erzogen worden und habe mich lange genau danach bewertet.
      Umstände sind manchmal nicht zu ändern, aber wie man damit umgeht schon. Ich glaube, ich bin noch ganz am Anfang. 🙂
      Liebe Grüße in dein Lesestübchen

  10. Liebe Gudrun,
    schön dass Sie nach den Tagen der Krankheit wieder die kämpferische und optimistische Gudrun sind. Ich wünsche Ihnen für Ihr Projekt am Montag in Wyhra wirklich guten Erfolg und Freude an der Arbeit mit den Kindern. Es wird bestimmt ein toller Nachmittag.
    Ganz liebe Grüße, Silke.

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