Mägdebrunnen in Leipzig: Wasser nimmt alles weg, nur schlechte Reden nit.

Gestern habe ich das jüngste Kind von der Uni abgeholt. Eine Stunde hatten wir noch für einander Zeit, bevor sie wieder in den Norden der Republik fuhr. Mit der Mitfahrzentrale, Züge fuhren nicht. Leipzig war abgeschnitten von der Welt.
Auf dem Weg zur Uni kam ich am Mägdebrunnen vorbei. Dieser Brunnen wurde am 31. Mai 1906 eingeweiht. Dass ich den Mägdebrunnen gerade jetzt, im Mai, besuchte, war Zufall. Die Mittel zum Brunenbau damals hatten auswärtig lebende Leipziger gestiftet. Ich finde, der Brunnen passt hervorragend zu Leipzig und zu seiner Geschichte. Goethe studierte 1765 an genau dieser Universität, aus der ich jetzt gleich das Töchterchen abholen werde.
Die Figur auf dem Brunnen soll das Lieschen sein aus der Brunenszene mit Gretchen in Goethes Faust.

„Hast du nichts vom Bärbelchen gehört“, beginnt Lieschen den Tratsch beim Wasserholen. „Sie füttert zwei, wenn sie nun ißt und trinkt.“ Bärbelchen trägt die Frucht ihrer Liebelei in sich und das ist ein Grund für Lieschen ordentlich zu tratschen und zu lästern. Gretchen allerdings erschrickt, wenn sie an ihr Verhältnis zu Dr. Faust denkt.
Lieschen spricht allerdings nicht ganz ohne Neid, wenn sie über das Bärbelchen herzieht:

„Wenn unsereins am Spinnen war,
Uns nachts die Mutter nicht hinunter ließ,
stand sie bei ihrem Buhlen süß, …“
(Faust I, 20.Kap.)

Ha!  Sage es ja nicht? Spinnen stärkt die Tugend und bewahrt vor Ungemach. 😉

Faust und das Gretchen begleiteten mich noch ein Weilchen auf dem Weg in die Uni. Auch die drei Brunnensprüche, die am Wasserbecken aus Muschelkalk eingemeißelt sind, gingen mir nicht gleich wieder aus dem Sinn. Einer lautet: Wasser nimmt alles weg, nur schlechte Reden nit.

9 Kommentare zu “Mägdebrunnen in Leipzig: Wasser nimmt alles weg, nur schlechte Reden nit.

  1. Leipzig war von der Welt abgeschnitten? Fuhren Busse, Autos und LKW’s denn auch nicht? 😉
    Das wäre ja auch zu einfach, wenn Wasser schlechte Reden mit sich nehmen würde. Da werden wir wohl weiterhin selber an uns arbeiten müssen. 😉
    So ein kleines bisschen Klatsch und Tratsch darf schon sein, manchmal erleichtert das. Nur übertreiben sollte man’s halt nicht…
    Liebe Grüße!

    1. Ich hätte vielleicht besser schreiben sollen, dass im Leipziger Hauptbahnhof gähnende Leere herrschte. An der Station der Fernbusse war dagegen mehr Andrang als sonst. Vielleicht hoffte der eine oder andere, doch noch ein Plätzchen im Bus zu bekommen. LKWs fuhren bestimmt auch, aber damit reisen wollte das Töchterchen nun wirklich nicht. 🙂
      Liebe Grüße

  2. Meine liebe Gudrun, den Brunnen hatte ich nicht gesehen. Obwohl ich einige aufgenommen hatte.
    Der ist ja echt betagt. Und doch so schön.
    Der Spruch gefällt mir.
    An dein Töchterchen die liebsten Grüße.
    Und dir frohe Pfingsten ♥
    deine Bärbel

    1. Dem Töchterchen habe ich die Grüße ausgerichtet, liebe Bärbel. Wir wünschen auch dir schöne Pfingsten.
      Herzliche Grüße an dich.

  3. Aber sag mal Gudrun, der stand doch früher woanders? Also mit früher meine ich nicht ganz früher, sondern so in den 80ern. Ein paar meter weiter weg, mehr so in der Mitte des Platzesß Oder gar auf Höhe Sternwartenstraße?

    1. Er ist versetzt worden. Ich weiß, dass ich früher öfter daran vorbei kam. Warum auch immer. Jetzt musste ich erstmal gockeln, wo der Brunnen ist und an dem Tag fand ich es günstig, mal hinzuschnipsen.
      Ich finde, er ist ein bissel versteckt und ein bissel aufarbeiten müsste man ihn auch mal wieder.

      1. Nein, an diese Zeit kann ich mich natürlich nicht mehr erinnern. Ich habe mich offensichtlich geirrt. Kann auch sein, dass ich es mit einem anderen Brunnen verwechselt habe. Als ich noch etwas jünger war und eigentlich immer in Eile, bin ich schon etwas blind durch meine Stadt gerannt.
        Vielen Dank für deinen Hinweis.

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