Flüchtlinge, sächsischer Kartoffelkuchen, eine Maus, die Käse bekommt und gezupfte Augenbrauen.

Gaben für FlüchtlingeNein, ich habe von meinem Besuch heute keine Fotos, keine Namen und Adressen. Aus Gründen.

Heute war ich in einer Leipziger Flüchtlingsunterkunft, im Begegnungskaffee. Ich wollte etwas Sächsisches mitbringen und hatte sächsischen Kartoffelkuchen gebacken. Ob der schmecken wird?

Ein kleiner Junge nahm mich gleich an der Hand und zog mich in den Innenhof. Wow! Einen kleinen, ganz typischen Leipziger Innenhof hatten die Betreiber des Heimes mit den Flüchtlingen gestaltet. Wiese gab es, eine Holzterasse, Hochbeete einen Sandkasten, der sogar mich zum Buddeln mit den Kindern einlud. Die Wand zum Nachbargrundstück war bemalt. Und nun ärgere ich mich doch, dass ich kein Foto gemacht habe.

„Da“, sagte der Junge, „da wohnt Maus.“ Und er erzählte mir, wie er abends vom Balkon aus sieht, wie die Maus über den Hof flitzt.
„Da soll ein Mann kommen, mit Handschuhen. Und der soll die Maus fangen. Ich will das nicht, dass er der Maus etwas tut.“
„Die Maus ist schlau“, sagte ich ihm. „Die wird sich verstecken.“
„Ich sag dir ein Geheimnis“. Der Junge flüsterte jetzt. „Ich bring der Maus manchmal Käse. Aber sag es keinem.“
Ich werde es nicht sagen. Naja, mit dem Vati des Jungen habe ich mich dann doch unterhalten, dass es in Leipzig Mäuse geben soll, die ab und zu ein Stück Käse bekommen. Oh ja, das hatte der Vater auch schon gehört.

Was der Vati mir dann noch sagte, machte mich sehr betroffen.
Die Deutschen sind sehr nett. Sie sind freundlich und hilfsbereit. Ein wenig fühlt er sich wie zu Hause.
Wisst ihr, alles mögliche ging mir durch den Kopf, die Hetze gegen Flüchtlinge im Netz, Brandanschläge, Bachmanns Bezeichnungen für Flüchtlinge als „Gelumpe“ und ähnliches. In Zukunft wird mich das nicht mehr herunterziehen. Nie wieder!
Ich mache einfach. Basta!

Beim Buddeln im Sandkasten saß neben mir eine andere deutsche Frau und eine Frau aus Syrien mit Kopftuch. Die Frau war vor einigen Tagen erst gekommen. Wir schwatzen dennoch miteinander.
Vor uns, im Sandkasten, spielten ihre beiden Kinder. „Das eine ist mein Baby“, sagte sie und zeigte auf die ganz Kleine, „und das ist meine Tochter.“
Zu der anderen deutschen Frau sagte ich, dass ich gerne wissen möchte, ob die junge Frau aus Syrien unter dem Kopftuch auch solche Locken hat wie ihre Töchter.
„Das möchte ich auch wissen.“, sagte die Frau.
Ich fragte schließlich und unsicher fragte ich auch noch, ob ich das überhaupt fragen darf. Die junge Frau lachte. Oh ja, man darf das fragen. Und nein, sie hat keine Locken. Wir lachten schließlich alle drei über solche Haarprobleme.

Warum  ich das alles erzähle?

  • Weil ich möchte, dass nicht nur Hass-Gesappel durch das Netz geistert.
  • Weil es nicht nur schlechte Nachrichten gibt.
  • Weil es ein schöner Tag war, mit kostbaren Begegnungen. Wenn man die Flüchtlinge kennen gelernt hat, denkt und fühlt man anders.
  • Weil ich weiß, wie mein ganz persönlicher Beitrag aussehen wird in der ganzen Flüchtlingsproblematik. Ich kann nicht die ganze Welt retten, aber ich kann durchaus etwas tun.

Neben mir unterhalten sich die junge Frau aus Syrien und eine Frau aus Mazedonien, wie man sich die Augenbrauen zupft. Dieses stinknormale weibliche Problemchen tut gut. Wir lachen viel und die Männer schütteln die Köpfe. 🙂

Die Männer beschließen, in der nächsten Woche alle gespendeten Fahrräder zu reparieren.
„Ich bringe mein Werkzeug mit.“, sagt ein Deutscher.
Ein Trainer vom FC Leipzig-Lindenau holt die Jungs zum Fußballspiel ab.
„Ich spiele schon in der F-Jugend“, ruft der Junge mit der Maus und flitzt vom Hof.

Mein sächsischer Kartoffelkuchen ist aufgegessen, ich habe das Rezept weiter gegeben und ich werde wiederkommen.

 

22 Kommentare zu “Flüchtlinge, sächsischer Kartoffelkuchen, eine Maus, die Käse bekommt und gezupfte Augenbrauen.

    1. Ich werde mir selbst Gutes suchen, liebe M. Manchmal ist das nicht leicht, weil einen die Ereignisse überrollen. Von dem, was mich belastet und mir Kraft raubt, werde ich mich fernhalten. Es wird noch viel zu tun geben.
      Der Guardian hat heute die Frage gestellt, was die guten Deutschen tun werden, wenn die Flüchtlinge mehr haben möchten als eine Flasche Wasser und ein Zelt. Mal abgesehen, dass ich das schon recht zynisch empfinde, weil GB völlig außen vor bleiben will. Eine Flasche Wasser und ein Zelt ist nicht die Lösung auf Dauer, aber es wird Lösungen geben. 🙂
      Liebe Grüße an dich.

    1. Es waren viele da, Alte, Junge, Männer, Frauen. Auch da habe ich Menschen kennengelernt, die mir gut tun und mit denen man gut zusammenarbeiten kann. Wir werden das schaffen.

    1. Ja das stimmt, liebe Beate. Mir tut nur Leid, dass ichnnicht mehr Möglichkeiten habe. Ich kann zum Beispiel niemand Arbeit geben und die Menschen wollen arbeiten. Das ist eines der Hauptprobleme, nicht etwa, dass keiner Luxus oder Vermögen hat.
      Liebe Grüße an dich.

  1. Gudrun, es ist so schön zu lesen, dass sich Menschen Gedanken machen – nicht darüber, wie sie weiteren Reichtum erwerben können, um dieses Geld für sich arbeiten zu lassen – sondern um andere, denen es so viel schlechter geht als uns.
    Die Sache mit den Haaren unter der Kopfbedeckung – die ist so menschlich, so schön.
    Lieben Gruß zu dir

    1. Nun ist die Politik am Zuge. Ich denke nämlich, dass es locker für alle reicht, wenn man das Zusammenleben gut organisiert. Vielleicht ist das, was gerade passiert, eine Chance.
      Liebe Grüße ins dicke B. 🙂

  2. Liebe Gudrun,
    Du bist zur Zeit meine liebste Bloggerin.
    Mit Deinen Erzählungen gibst Du uns viel Kraft. Danke, dass Du uns vorlebst, wie man unerschütterlich, warmherzig und mitfühlend einfach nur Mensch ist.
    Deine Leserin
    Anne aus Lindenau

    (ich hätt gern das Rezept vom Kartoffelkuchen – ich würd ihn gerne ausprobieren)

    1. Liebe Anne, ich werde dir morgen eine Mail schreiben und das Rezept weitererzählen. 🙂
      Und weißt du was? Beim nächsten Georg-Schwarz-Straßenfest gibt es sächsischen Kartoffelkuchen.
      Liebe Grüße, ein Stückel durch die Stadt.

  3. Mich freut dein Beitrag riesig, weil wir viel viel mehr dieser Berichte im www brauchen. Meist bringt man in den Medien Furcht und Verzweiflung in die Herzen der Menschen, statt auch reichlich Berichte zu bringen die nachahmenswert sind und die die Starre, die Handlungsunfähigkeit und Hilflosigkeit nach Horrornachrichten lösen helfen. Ich arbeite seit vielen Jahren in dieser Weise mit Flüchtlingen, seit damals, als der brutale Kosovokrieg tobte. Die Grausamkeiten die sich dort abspielten stehen den heutigen um nichts nach. Die Antragsverfahren für Asyl waren unmenschlich und beschämend. Damals hatte die Politik den Menschen sogar Geld angeboten, damit sie ohne eine Perspektive zu haben freiwillig wieder zurück in ihre zerstörte Heimat und in den Bürgerkrieg gehen. Nur private Initiativen konnten den Menschen ein Gefühl von Hoffnung geben. Unterstützung für private Initiativen, fand ich damals bei Asylarbeitskreisen in der Umgebung. Ich lasse mal den Link hier:
    http://www.proasyl.de/de/ueber-uns/foerderverein/mitmachen/

    1. Es wird auch jetzt wieder viele Initiativen geben müssen. Ich denke, dass eine Menge zu organisieren ist in der nächsten Zeit. Die staatlichen Rahmenbedingungen sind aber unzureichend.
      Liebe Grüße an dich.

  4. Och neeee, nun hatte ich geschrieben und geschrieben, und dann meint er, meine E-Mail-Adresse sei falsch. Und alles ist gelöscht….

    Gut, dass wir dich haben, meine liebe Gudrun.
    Du bist meine Heldin.
    Der kleine Junge geht in einen Fußballclub, also ist da auch jemand aktiv.
    Auf dass die Maus überlebt, lach.
    Die Haare unter dem Kopftuch, das Zupfen der Augenbrauen.
    Das letztere kann ich nicht mehr. Denn dazu braucht es 2 Finger, die Kraft haben.

    Dein Kartoffelkuchen war alle. Du bist glücklich ♥
    Und du hast viele glücklich gemacht.
    deine Bärbel

    1. Ach Bärbel, ich bin keinen Heldin. Es gibt sehr viele, die etwas tun. Ich habe nur darüber geschrieben.
      Die letzten Tage hatte ich nur von Hass gelesen. Es gibt aber auch etwas anderes. Und ich denke, die die nicht hassen, sind viel mehr. Das ist schonmal ein gutes Gefühl, eines, was vielleicht auch Ideen bringen wird.
      Ich drück dich, und ich grüße dich herzlich.

  5. Nachtrag:

    Ich könnte mir vorstellen, dass die beiden Männer, die sich zum Fahrradreparieren verabredet haben, anschließend zum angeln fahren. Ein Stücke Normalität also.

    Ich könnte mir auch vorstellen, dass jemand, der in seiner Heimat selbständig war, es wieder sein kann. Dazu bräuchte es nur eine kleine Anschubfinanzierung. (Deswegen wurde ich glatt einen Brief schreiben an den Guardian, über den ich mich heute so geärgert habe.)

    Lehrer würde ich zuerst Deutsch lernen lassen. Und sie können es dann ihren Landsleuten beibringen.

    Ach, mir fällt da noch mehr ein. Bewegen muss sich aber jetzt die Gesetzgebung.
    Die Menschen möchten arbeiten. Das haben sie immer wieder betont.

Comments are closed.