Das Märchen vom Weber. Oder „Was macht reich?“

Manchmal glaubt man, dass man Freunde hat. Und dann stellt sich heraus, dass man die ganze Zeit beurteilt und belächelt wurde nach dem Besitz. Nichts anderes scheint zu zählen. Zuerst wollte ich säuerlich werden, weil ich aber gerade alles zusammensuche, was ich am Sonntag mit nach Wyhra nehmen werde, fiel mir das Märchen vom Weber ein. Das nehme ich nämlich auch mit.
Isa hatte mir es einst geschickt. Wir kennen den Autor nicht und deshalb schreibe ich es so auf, wie ich es erzählen werde. Anders halt.

Das Märchen vom Weber

In einem kleinen Dorf lebte ein Weber. Jeden Tag setzte er sich an seinen Webstuhl und webte. Er webte langsam. Er webte sorgfältig.
Im Laufe eines Jahres bekam er einen Teppich fertig. Der Teppich war sehr schön, aber es war nur ein einziger, so dass der Weber mit seiner Frau und seiner Mutter in Armut lebte.

Eines Tages zerbrach ihm ein Holz an seinem Webstuhl. Er seufzte, nahm sein Beil und machte sich auf in den Wald, um ein hartes, neues Holz für den Webstuhl zu holen. Es musste lange suchen, aber dann entdeckte er einen Baum, der ihm geeignet erschien. Der Weber nahm seine Axt und holte aus, um den Baum zu fällen.

„Halt! Halte ein! Tue es nicht!“, hörte er jemand rufen.
Erstaunt blickte sich der Weber um, konnte aber niemand entdecken.
„Wer bist du?“, fragte er in den Wald hinein.
„Ich bin der Geist des Waldes, der in dem Baum wohnt, den du schlagen willst. Wenn du den Baum verschonst, werde ich dir einen Wunsch erfüllen. Sag, was wünschst du dir?“
Der Weber überlegte lange und sagte schließlich: „Ich weiß es nicht. Ich werde nach Hause gehen und mich mit meinen Frauen beraten.“

Zu Hause sagte seine Mutter: „Wünsch dir und uns doch Gesundheit und ein langes Leben.“
„Unsinn“, warf die Frau des Webers ein, „wozu soll man lange leben, wenn es doch nur in Armut ist. Wünsch dir ein Fürst zu sein! Dann hätten wir ein Schloss und schöne Kleider und immer Essen vom Allerfeinsten.“

Am anderen Tag ging der Weber wieder in den Wald. Er überlegte hin und überlegte her, aber so genau wusste er nicht, was er sich von dem Geist des Waldes wünschen sollte.
„Nun?“, fragte der Waldgeist.
„Ich weiß nicht so Recht“, antwortete der Weber. „Mach mir einfach meinen Webstuhl wieder ganz:“

Oh, wie zeterten die Frauen, als er nach Hause kam. Der Weber aber setzte sich zufrieden an seinen Webstuhl und begann zu weben.
Er webte langsam. Er webte sorgfältig.
Und so lange es Menschen gibt, wird man sich auch das Märchen vom Weber erzählen.

Das Märchen vom Weber

Dieser Webstuhl steht in der Museumsweberei in Meldorf/ Schleswig-Holstein.

 

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