Das Versprechen. Ein Beitrag für Verständnis und Verständigung.

Die Anna aus Berlin, von „bunt und farbenfroh“, hat ihre zweite Aktion „Schreiben gegen Rechts“ gestartet. Früher habe ich meinen Eltern und Großeltern zugehört, wenn sie aus ihrem Leben und der Geschichte erzählten. Jetzt ist es an mir. 

Das Versprechen

Vor vielen Jahren hatte ich die Gelegenheit, Freunde in Vilnius zu besuchen. Wie ich arbeiteten sie an einer pädagogischen Hochschule. In der Dortigen durften wir im Gästezimmer schlafen.
Vilnius, die Hauptstadt Litauens, ist eine interessante Stadt mit einer bewegenden Geschichte. Ich war fasziniert von den alten Häusern in der Innenstadt und von den engen, verwinkelten Gassen.

Ein Stück entfernt von der Hochschule gab es herrliche Wiesen. Ich mag es, mir Wiesenblumensträuße zusammen zu stellen. Mit einem Sommerstrauß in der Hand kam ich wieder im Internat der Hochschule an.
In einer Art Pförtnerloge saß ein älterer Herr. Er gab uns immer unseren Schlüssel und nahm ihn wieder entgegen, wenn wir das Haus verließen. Unser litauischer Freund erzählte, dass der  Mann Lehrer an der Pädagogischen Hochschule gewesen war und jetzt als Rentner seiner Hochschule immer noch treu ist.
Als er mir an diesem Tag meinen Schlüssel gab, drückte ich ihm meinen Blumenstrauß in die Hand. An der Tür zum Fahrstuhl drehte ich mich noch einmal um und sah, wie er immer noch mit den Blumen in der Hand da stand und mir etwas ratlos, wie es schien, nachschaute.

Zwei Tage saß dann jemand anders in der Pförtnerloge. Am dritten Tag, als ich meinen Schlüssel abgab, sagte der sonst immer schweigsame Mann zu mir:
„Entschuldigen Sie, dass ich so abweisend war. Ich habe mich über Ihre Blumen sehr gefreut. Vielen Dank.“
„Sie sprechen meine Sprache?“, fragte ich ihn erstaunt. Man vernahm kaum einen Akzent.
„Ja“, sagte er. „Vor dem Krieg war ich Deutschlehrer am hiesigen Gymnasium. Als die Deutschen Vilnius besetzten, suchten sie Landsleute mit Deutschkenntnissen. Sie brauchten Dolmetscher.“
Er stockte kurz und setzte dann leise hinzu:
„Ich habe mich nicht gemeldet.“

„Waren Sie schon in der Altstadt?“, fragte mich der alte Mann und ich erzählte ihm von den alten Häusern und den engen Gassen, die mir so gefielen.
Er nickte.
„Genau da gab es zwei Ghettos, damals im Krieg. In das eine wurden die Juden gebracht, die noch arbeiten konnten, in das andere die, die keine Arbeitserlaubnis bekamen, Alte, Kranke, Schwache, Kinder. Sie brachte man als erste nach Ponar.“

Ponar war ein Ort nahe Vilnius. Heute ist es ein Vorort der Stadt.
Der alte Mann erzählte mir, dass in Ponar auf Anordnung der Deutschen Massenhinrichtungen an zehntausenden Juden, sowjetischen Kriegsgefangenen sowie litauischen und polnischen politischen Häftlingen stattfanden.
„Zuerst gingen die Alten und alle ohne Arbeitserlaubnis“, sprach der alte Mann mit stockender Stimme, „dann alle anderen auch. Damals habe ich mir geschworen, nie wieder in meinem Leben ein Wort Deutsch zu sprechen.“

Da standen wir uns nun gegenüber, der alte Mann, der gerade seinen Schwur gebrochen hatte und die Deutsche, die nach dem Krieg geboren wurde und die das was gewesen ist, nicht vergessen wird.
Der alte Mann nahm zuerst meine Hand, dann umarmte er mich, drehte sich um und lief schnell in deine Pförtnerloge.

Mit dieser Umarmung hatte ich ihm so etwas wie ein Versprechen gegeben. Ich werde nichts relativieren, nichts beschönigen, nichts vergessen!

das Versprechen

Nachtrag

Im September 2017 erklärte ein Alexander Gauland beim Kyffhäuser-Treffen der AfD-Rechtsaußen-Gruppe „Der Flügel“, „dass man das Recht habe, stolz zu sein, auf die Leistungen der Soldaten in den zwei Weltkriegen.“ Dass der zweite Weltkrieg mehr als 60 bis 70 Millionen Tote gefordert hatte, „betreffe unsere Identität heute nicht mehr“.
Die Zuhörer applaudierten lange und lautstark.

 

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