Man muss nicht immer eine Zierde sein.

Ach nein, eine Zierde bin ich gerade nicht, aber ich zeige es einfach mal, wie ich auf meinem Balkon hocke und meine Wolle zupfe. Zerstrubelte Haare, die älteste Hose und den schlimmsten Schnuddelpullover an, um den Bauch eine alte Jacke geknotet, schmutzige Hände. Was soll ich sagen? So fühle ich mich sauwohl, weil ich nicht etwas darstellen muss, was ich gar nicht will. Auch möchte ich nicht so tun.

An meine grauen Haare habe ich mich längst gewöhnt. Ich werde sie auch nie wieder färben, vertrage das eh nicht und finde harausgewachsenen Farbansatz hässlich.
In der Straßenbahn habe ich mir Frauen angesehen, gepflegte Frauen mit grauen Haaren. Echt schön finde ich es, wie selbstbewusst sie zu ihrem Alter stehen. Mich bestärkt das: Nie wieder Farbe auf den Nips.

Ach ja, im Laufe des Lebens verändert man sich schon sehr. Das wäre auch alles kein Problem, wenn es nicht immer wieder jemand gäbe, der knietief in jeden Fettnapf springen muss. Als ich mich mit einem „Kumpel“ treffen wollte, fragte der mich vor dem Treffen, was ich wiege und wie alt ich bin. Himmel, ich wollte ihn schon fragen, ob er mich tragen will.
Bloß gut, dass mir mein Lachen immer erhalten blieb.

Damals in meinem Dörfchen gab es eine alte Bäuerin. Sie hat mir immer gern geholfen beim Wolle zupfen. Es gab Vanillekipfel und Kaffee und viele, viele Gespräche. Noch immer möchte ich einen Raum haben, wo man gemeinsam werkeln kann. Manche Sachen erledigen sich so besser, weil jeder etwas kann und alle davon profitieren. Freundschaften können sich entwickeln und Vertraute können in vielen Lebenssituationen helfen.
Diese liebe alte Frau habe ich heute angerufen. Ihre Freundinnen sind inzwischen alle verstorben. Ich möchte sie gern besuchen.

So, meine braune Milchschafwolle habe ich gewaschen und eingelagert. Fein, dass das Wetter so mitspielte. Die Weiße braucht bestimmt nicht so viel Zeit, denn sie ist schön sauber. Morgen werde ich wieder in der Ecke auf meinem Balkon sitzen. Und wieder werde ich keine Zierde sein. Na und? Aufrüschen ist gerade so gar nicht nötig.

 

20 Kommentare zu “Man muss nicht immer eine Zierde sein.

    1. Ach ja, ich will überhaupt keinen Schönheitswettbewerb gewinnne, liebe Bärbel. Die Begegnung mit dem Kumpel hatte mich einfach verletzt. Meine Tochter hat die Situation dann begradigt. Sie meinte, dass Männer halt so sind, jeder ein kleiner Adonis. Auch, wenn sie in die Jahre und etwas aus der Form geraten sind. Das Lachen war dann sehr befreiend.
      Ich schicke dir ganz liebe Grüße.

  1. Liebe Gudrun, schon in jungen Jahren habe ich gesagt: Wenn ich einmal eine Modelinie entwerfe, heißt sie: noch bequemer ist nackig! Ich trage grundsätzlich Sachen die weit sitzen, weich Stoffe haben und mir viel Bewegungsfreiheit geben und meistens sehe ich aus, wie aus der Altkleidersammlung gezogen und es ist mir herrlich egal. Graue Haare habe ich schon lange und Lust zum Färben auch nicht. Meistens habe ich sie ja auch extrem kurz. Neulich unterhielten sich meine Enkelinnen über Frisuren und entschieden, dass sie meine cool finden. Allerdings wollen sie erst selber so eine Frisur haben, wenn sie so uralt wie Oma sind.

    1. Mit der Modelinie sollten wir uns mal befassen, liebe Karin. Das wäre eine feine Sache. Ich liefere die Wolle, Frau Momo färbt und du strickst. 😄
      (Ich kann keinen Pullover von oben stricken. Das musst du machen. In die Länge und Weite kann ich es ja wieder übernehmen. Ich habe mehr Zeit.)
      Nee, Spaß bei Seite: Es ist schon gut, so zu sein, wie man es selber gerne möchte.
      Grüße in den Norden.

      1. Woher kommt eigentlich das Gerücht, ich könne Pullover von oben stricken? Habe ich einmal versucht. Fazit: Der Kopf meiner Enkelin blieb stecken. War ne Drops Anleitung. Aber ich werde mich damit befassen.

  2. Wenn ich zu Hause bin, denke ich gar nicht über meine Garderobe nach, da wird das angezogen, was mir Wohlbefinden bereitet.
    Du bist wirklich fleißig und das Wichtigste ist, dass dir diese Betätigung Freude bereitet. Ich bin mal gespannt, was du aus der entstehenden Wolle machst. Ich finde deine Wollwerke einfach klasse!
    Ganz liebe Grüße von Beate

    1. Eigentlich möchte ich Kleidung selber herstellen. Filzen scheitert an einem geeigneten Arbeitsplatz. Im Garten habe ich zwar jetzt Wasser, aber recht warmes zu bereiten ist ein Problem. Und stricken kann ich nicht so richtig. Mir fehlt da eine ganze Menge. Ich suche keine Anleitungen, die sich auf eine bestimmte Wolle beziehen. Ich brauch das allgemein. Bei Socken habe ich es gefunden.
      Liebe Grüße an dich

    1. Ach, ich finde es schön, wenn sich Menschen Gedanken um ihr Äußeres machen. Da gibt es vieles, was man gestalten kann. Wenn man aber auf das Äußere beschränkt wird, dann finde ich das nicht gut. Es macht vieles kaputt.
      Ich schicke dir liebe Grüße und wünsche dir von Herzen gute Besserung.

  3. Hallo Gudrun, ich habe mich schon seit vielen, vielen Jahren dazu durchgerungen, mein Weiß auf dem Kopf offen und frei zu tragen, färben war mal, aber da so, dass es sofort ins Auge fiel. Rot oder so. Aber da ich auch auswachsende Haaransätze hasse, blieb das igendwann weg. Dann färbte ich blond, da fiel der Übergang zu dem weiß wenig auf.
    Wenn dunkel- oder fast schwarzhaarige Frauen, die aber schon fast komplett grau sind, färben, fällt es ja schon nach einer oder zwei Wochen auf – und es sieht für meine Begriffe sehr wenig schön aus.
    Hier ist es zu nass für den Balkon. Mit Gruß von mir

    1. An Farben hatte ich fast alle auf dem Kopf, früher. Außer Schwarz, das steht mir nicht. Alles hat halt seine Zeit gell. Ich kann mich noch erinnern, dass ich in den Siebzigern mal weißblonde Haare haben wollte, wie Andy Warhol. Die Frisöre haben sich aber alle geweigert, weil meine Ausgangshaarfarbe zu dunkel war.
      Eine Freundin schrieb mir heute: Manche lassen sich graue Strähnen färben, ich habe die gratis. 😀
      Liebe Grüße an dich.
      PS: Balkonien war heute auch nicht angesagt. Morgen muss ich wieder. Ich will die Wolle fertig bekommen.

  4. Ich bin auch mal gerne im Schlabberlook unterwegs, allerdings habe ich auch viel Spaß daran, mich schön (das, was ich schön finde) anzuziehen.
    Ich mache mir ja nicht die Arbeit, das alles aus der Wolle zu fummeln… da fliegt das Stroh dann aus den Karden, beim Spinnen geht was weg und der Rest beim Waschen. Nur die ganz dicken Teile pule ich vorher raus. Jetzt ist die erste Halligwolle in der Beize…. das Färben geht los 🙂

    1. Die braune Wolle habe ich schon eingelagert. An der weißen bin ich gerade dran. Ich mach das schon immer so, weil manche Mütter auf meinen Veranstaltungen sehr die Nase gerümpft hätten, wenn ihre Kinder mit ungewaschener Wolle von Schaf hantiert hätten. Das ist jetzt so. 🙂
      So kann ich mir mit der Verarbeitung Zeit nehmen. Nichts riecht, nichts wird ranzig. Die weiße Wolle ist so schön weich. Ich bin begeistert.

      1. Ach ja, mit der Anzieherei war das auch mal anders bei mir. Als Lehrer hatte man bestimmte Regeln zu beachten. Das ist ein Vorteil, dass ich da jetzt alle Freiheiten habe.
        Ich möchte mir gerne selber Sachen herstellen, Filzstoffe z.B. Da fehlt mir aber ein geeigneter Arbeitsplatz, weil es doch eine ordentliche Matscherei ist.
        Aus Wolle etwas machen, da habe ich noch einige Ideen und find es gut. Danke für deine Hilfe.

  5. Auch ich stehe zu meinem „friedhofsblond“, liebe Gudrun. Bequeme Kleidung zu Hause ist ebenfalls angesagt. Wenn dann überraschend Besuch kommt, dann muss Der- oder Diejenige mich eben so nehmen, wie ich aussehe. Die Zeiten von Strähnchen, Wasserstoffblond und auch schminken sind vorüber. Manchmal hat das Alter auch seine schönen Seiten 🙂

    1. Das stimmt, es gibt sie die schönen Seiten.
      Ich finde das gar nicht so schlecht, dass im Alter die Haare heller werden. Das passt gut. 🙂

  6. Liebe Gudrun, hab ich mit viel schmunzeln gelesen, diesen Post. Du hast recht, „Arbeitskleidung “ muß auch mal sein. Ich bin seit Jahrzehnten gewöhnt „mir mein gesicht zu malen“. Das fing früh an, denn ich war rothaarige und da fehlte einfach ein gewisser Ausdruck der Augen.
    Vor 3 Jahren kam ich als Notfall nachts ins Krankenhaus und hatte keine Chance mir vorher die wimpern färben zu lassen. Zufällig kam mal eine blonde völlig ungeschminkte Ärztin vorbei … Tat mir gut . Bei der Entlassung hat mir meinebettnachbarin ihre Wimperntusche geliehen.
    Haare färbe ich nicht mehr. Ich hab ein tolles weissblond durch das Rote früher und werde schon mal gefragt, was ich da verwende.
    Aber ohne Augenmakeup mache ich die Tür nicht auf!!! Und da ich ja Rentnerin bin trage ich Zuhause bequemes, langes schlabberkleid oder jeans oder je nach jahreszeit sommerkleider.
    Ist das alles eitel? Ich fühle mich wohl und brauche das alles.
    LG Margarethe

  7. Ach Gudrun, wir wollen uns doch wohl fühlen und nicht nur anderen gefallen. Ich gehe zwar gern ordentlich gekleidet auf Arbeit, aber daheim liebe ich meine „Hundesachen“. Baumwoll-Shirt, bequeme Hose, am Wochenende keine Schminke und kein Schmuck, nur Haare kämmen und gut. Ich kann mit Johnny über Stock und Stein laufen, durchs Gestrüpp kriechen und muss mir keine Gedanken machen um gute Sachen.
    Abends dann, wenn ich nicht noch mal raus muss, gibt es Jogginghosen.
    Bleib wie du bist, sonst wärest du nicht mehr du selbst.
    Liebe Abendgrüße von Kerstin.

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