Und wer soll jetzt den Berg Wolle kardieren?

Schon immer habe ich mich gefreut, wenn ich Wolle geschenkt bekam. Für mich ist das ein wertvoller Rohstoff, der mich nur Zeit und Arbeit kostete. Also habe ich die Wolle gewaschen. Und schon, wenn die Wolle auf dem Wäscheständer trocknete, habe ich mich mit Entsetzen gefragt: Und wer soll jetzt den Berg Wolle kardieren?

Beim Kardieren werden die Fasern aufgelockert und in eine Richtung „gelegt“. So wird die Wolle für das Spinnen vorbereitet.
Ich hatte dafür zwei Handkarden, gebogene Bretter mit Griff und dichter Benadelung. In eine Karde wurde die Wolle eingehängt und dann arbeiteten die Karden gegeneinander bis die Wolle so war, wie man es sich wünschte. Wenn die Kraft nachließ und eine Karte wegrutschte, dann wollte ich sie halten und haute mit der Hand auf die Stahlnadeln. Autsch! Oh, ein feines Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt, auch der Muskelkater in den Händen und den strapazierten Sehnen im Handgelenk.

Jetzt ist das Kardieren für mich viel, viel leichter geworden, denn ich besitze eine „Rudy“, eine Kardiermaschine. Die produziert schöne, weiche Vliese und Muskelkater vom Kurbeldrehen hatte ich bisher noch nicht. Es bleibt sogar Zeit und Muße, nebenher Tee zu trinken.

Die Frage „Und wer soll jetzt den Berg Wolle kardieren?“ beantworte ich nun immer gerne und ohne zu zögern. Ich freue mich sehr über das Maschinchen und über die schöne Milchschafwolle, die mir Frau Momo geschenkt hat.

Die letzte Wolle trocknet gerade. Es ist schon empfindlich kühl geworden draußen. Ich freue mich darauf, es mir am Spinnrad gemütlich zu machen, mit feiner, weich kardierter Wolle. Das ist genau die richtige Beschäftigung für diese Jahreszeit.

Wolle kardieren und nebenher Tee trinken

8 Kommentare zu “Und wer soll jetzt den Berg Wolle kardieren?

  1. Ich habe lange nicht gesponnen, weil ich das Kardieren einfach nervig fand. Es hat viel Kraft gekostet und man hatte immer nur kurze Fetzen, keine schöne langen Fließe. Jetzt könnte ich stundenlang die Kurbel drehen und mich an der fein gekämmten Wolle erfreuen, die dabei entsteht. Und auch das Spinnen geht viel schneller, weil ich nicht dauernd Knubbel ziehen muß und Unebenheiten beim Spinnen glatt machen muß. Ich freue mich auch sehr an der Maschine und bedaure es fast, das ich so lange mit der Anschaffung gewartet habe. Lief bei mir immer eher unter „ist nicht so wichtig“.

    1. Da ich das Maschinchen ja nun auch selbst erproben konnte, bin ich um so mehr überzeugt, dass diese Anschaffung gut und richtig war.
      So wohl bei Gudrun als auch bei Dir.
      Denn schliesslich ist das Kardieren ja eher eine lästige Vorbereitungsarbeit, die zwar möglicherweise die Vorfreude auf die Arbeit des Sinnes erhöht, aber auch viel an Motivation kostet.
      Und das muss ja schliesslich nicht sein.

    2. Das hat mich auch immer ausgebremst. Manchmal habe ich das Zeuchs mit in den Garten geschleppt und mich in die Sonne gesetzt. Aber immer war es eine elende Schinderei. Gut, dass es nun Schluss damit ist.

    1. Das ist es auch. So habe ich das mit den Handkarden nie hinbekommen. Das spinnt sich jetzt fast von alleine. 😀
      Liebe Grüße an dich und einen Streichler für Priska.

Comments are closed.