Komm hilf mir mal die Rolle drehn. Genier dich nicht.

Als ich mich heute an meine Kardiermaschine stellte, fiel mir ein Lied ein. „Komm hilf mir mal die Rolle drehn …“ Mir fiel der Text wieder ein und auch die Melodie. Na so was? Wie das?

Als ich Kind war, kam sonntags von Zwölf bis Eins eine Musiksendung im Radio und manchmal spielte man auch Walter Kollo. Mein Vater musste sich in seiner Jugend das Geld für die Musikschule mit Mucken verdienen. Er kannte die Kollo-Lieder und so sangen wir beide sonntags lauthals mit. Bei dem Lied von dem strammen Mädel an der Rolle ging es zwar um eine Wäschemangel und keine Kardiermaschine, aber egal. Passt.

Komm hilf mir mal die Rolle drehn
du bist so dick und stramm,
genier dich nicht und zier dich nicht,
wir drehn das Ding zusamm.“

 

Nach dem Kardieren, beim Spinnen am Spinnrad, kam ich auf die Idee, mal wieder die altberliner Lieder von Kollo zu hören. Ich glaube, ich habe noch nie laut gesungen beim Spinnen. Heute schon.

  • „Ach Jott, wat sind die Männer dumm.“ Claire Waldoff sang das zu vergnüglich.
  • „Max, du hast das Schieben raus.“ Mein Vater erzählte mir damals vom Schieben beim Tanzen. Und dann konnte ich mir Schieber-Max gut vorstellen.
  • „Es war in Schöneberg im Monat Mai.“ Das Lied sang ich immer besonders gerne und lauthals mit. Dabei konnte ich Schöneberg damals gar nicht erleben, denn die Stadt war zerschnitten durch die Mauer. Als Kind habe ich das nicht so recht verstanden, aber es hat mich sehr unangenehm berührt bei meinen Besuchen in Berlin. Mein Bruder wohnte damals gleich nebenan, in Rüdersdorf.

Im alten Berlin mit seinen dunklen Hinterhöfen in den dreißiger Jahren und danach ging es wahrlich nicht allen gut. Aber wo haben die damals ihre Lebensfreude hergenommen?
Ich weiß nicht genau, warum mir gerade heute mein Vater einfiel, das Singen und ein wohltuendes warmes Gefühl im Inneren. Fast war es wie damals, als wir zusammen gesungen haben. Der Monat November hat halt so seine Geheimnisse.

Nein, Schlagerfan bin ich nicht, aber ich hatte lange nicht so viel Spaß am Spinnrad. Bei der aufkommenden guten Laune lief es fast von ganz alleine. Und? Ich habe noch einen Koffer in Berlin. Ganz sicher.

 

10 Kommentare zu “Komm hilf mir mal die Rolle drehn. Genier dich nicht.

  1. Obwohl ich ja in den „Südstaaten“ aufgewachsen bin, kenne ich diese Gassenhauer auch. 😉 Als ich noch klein war, gab es ja kein Fernsehen, und so haben wir immer viel Radio gehört.
    Liebe Grüße!

    1. Stimmt. So war das bei uns auch. Und irgendwie war das auch schön so. Oder anders gesagt, der Fernseher sollte öfter mal ausbleiben.
      Liebe Grüße in die Südstaaten. 😀

  2. Hallo Gudrun, falls du nur annähernd so „nette“ Nachbarn hast wie hier im Haus, könnte sich vielleicht jemand beschweren kommen wollen, weil du ihm zu laut oder zu schön singst.
    Da machst du einfach einen Zettel an die Tür: „Jede Beschwerde kostet 10,00 € anstelle eines Honorars!“
    Und tschüss sagt Clara

    1. Naja, mein „Untermieter“ hört schwer, aber so empfindlich ist in meinem dennoch stillen Haus keiner. Über meine Gesangskünste hat sich noch nie jemand beschwert und gesungen habe ich in früheren Jahren oft, erst mit meinen Kindern und dann, damit es nicht zu still ist.
      Grüße zu dir.

  3. „Wo haben die damals ihre Lebensfreude hergenommen? “
    Das ist eine nachdenklich stimmende Frage. Woher kommen Lebensmut und Lebensfreude? Es gibt so viele Beispiele von Menschen die unter enorm schwierigen Lebensbedingungen trotzdem ihren Mut nie verloren haben und wie „Stehaufmännchen“ immer wieder die Kraft finden weiter zu gehen und sogar nicht selten auch zu Vorbildern für andere Menschen werden. Resilienz, dieses Wort wird zur Zeit viel benutzt. Es ist wohl eine Antriebskraft die der Mensch einerseits mitbringt, andererseits aber gibt es noch verschiedenste Faktoren die dazu beitragen. Wichtig scheint zu sein, dass von Kind an wenigstens eine Vertrauens-/Bezugsperson da war und das muss nicht unbedingt ein Elternteil sein. Ich glaube es gibt auch keinen Maßstab dafür, ob eine Situation schlimm oder weniger schlimm ist,so nach dem Motto: „Stell dich nicht so an !“ Da spielt das individuelle Empfinden eine große Rolle. Für mich war in schwierigen Situationen meine Beziehung zur „göttlichen Quelle“ immer meine Rettung und auch das Bewusstsein, dass in jeder Lebenssituation Potential „zum Lernen“ liegt.
    Nachdenkliche Grüße von:
    Beate
    P.S. Der Monat November ist prädestiniert zum Öffnen der „Erinnerungstore“. Wertvoll ist das! Verborgene Schätze können ausgegraben werden.

    1. Mit dem November ist das wohl so. Mir war mein Vater gestern sehr nahe, obwohl er schon so lange tot ist.
      Ich denke, dass früher das Gemeinschaftsgefühl größer war, eben, weil man mehr Gemeinschaft lebte. Jetzt macht jeder seine Türe zu. Auf dem Dorf damals habe ich mehr Gemeinschaft erfahren als hier in der Stadt. Dort gehört man einfach dazu, hier muss man darum kämpfen.
      Liebe Beate, ich schick dir liebe Grüße.

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