Sonne, Sonne, Vitamin D und ein dunkles Kapitel.

Herrlich war das Wetter gestern. Sofort habe ich mich aufgemacht nach draußen. Ich weiß, dass es im Winter immer etwas knapp wird mit den Ressourcen, vor allem an Vitamin D. Was gibt es da besseres als mal wieder in der Sonne aufzutanken. Das Gesicht der Sonne zuwenden, tief duchatmen, den ersten zaghaften Frühlings-Gesang der Vögel hören. Beim Schreiben jetzt spüre und höre ich alles noch einmal. Dabei könnte ich es belassen, aber mein Spaziergang erinnerte mich auch an an ein dunkles Kapitel, welches ich nicht einfach wegschieben kann und will.

Lindenallee, Parkallee Leipzig-Grünau Es wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis die Linden in meiner Parkallee wieder Blüten tragen. Schön sieht die Allee aber zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter aus, nicht wahr? Schon jetzt freue ich mich sehr darauf, mit meinem Körbchen loszuziehen und Lindenblüten zu sammeln. Wenn die dann zu Hause trocknen, duftet die ganze Wohnung.

Kaum zu glauben, dass hier in dieser Idylle zwischen August 1944 und dem Frühjahr 1945 ein KZ war. Bis auf eine kleine Gedenktafel nahe der Haltestelle erinnert nichts daran, dass die Allee mit Stacheldraht eingezäunt war. „Halt! Stehenbleiben!“ steht auf der Gedenktafel. Am Wachturm mit schwer bewaffneten Soldaten war Schluss mit der Idylle und entspanntem Flanieren.

Zwischen den Linden hatte man Baracken gebaut. Man internierte 500 ungarische Jüdinnen, die Zwangsarbeit in einem Flugzeugwerk verrichten mussten. Frauen, die die schwere Arbeit bei ungenügendem Essen nicht durchhielten, wurden gnadenlos auf Transport in den Tod geschickt, darunter Schwangere und auch nachweislich zwei Frauen mit Neugeborenen. Vor noch nicht langer Zeit hat meine Tochter ein Baby bekommen und mir wird das Herz schwer, wenn ich an die Frauen in meiner Parkallee denke.
Kurz vor Ende des Krieges schickte man den größten Teil der Frauen noch auf einen Todesmarsch. Vielleicht waren das genau die Frauen, von denen mir meine Mutter einst berichtet hatte. Sie liefen durch meinen Heimatort in Richtung Buchenwald.

Als Grünau, mein Stadtteil, gebaut wurde, war auch eine DDR-Führung wenig begeistert, dass man in der Parkallee einen Gedenkstein errichten wollte. Er passte wohl nicht in die heile Welt, die hier entstehen sollte?
Warum ich darüber schreibe? Sicher, ich hätte bei meinen schönen, vorfrühlingshaften Eindrücken bleiben können. Ein dunkles Kapitel geht mir dennoch nicht aus dem Kopf. und ja, ich möchte nicht, dass irgendetwas davon vergessen oder schön geredet wird. Es gibt immer noch und wieder Mitbürger in meinem Land, die vom Herrenmenschen träumen und auch von Lagern und Zwangsarbeit. Ich kann nicht so tun als würde ich nichts sehen, nichts hören, nichts sagen können.

„Wenn ein Volk aber versucht, in und mit seiner Geschichte zu leben, dann ist es gut beraten, in und mit seiner ganzen Geschichte zu leben, und nicht nur mit ihren guten und erfreulichen Teilen.“
– Roman Herzog –

16 Kommentare zu “Sonne, Sonne, Vitamin D und ein dunkles Kapitel.

  1. Dieses dunkle Kapitel in der Geschichte unseres Landes soll niemals in Vergessenheit geraten!
    Du weißt , dass ich bei meinem Besuch bei dir sehr nachdenklich wurde, als ich diese Gedenktafel sah und bei deinen Erzählungen wurde das Geschehen in der Vergangenheit fast spür- und sichtbar.

    1. Ja, ich weiß. Du kennst die kleine Gedenktafel, liebe Beate. Es ist gut, wenn man um die eigene Geschichte weiß. Und ich weiß auch, dass mein Sohn nie auf einem solchen Turm stehen wird. Gut so.

  2. Roman Herzog war ein sehr kluger und auch sehr menschlicher Bundespräsident. Nach meinem Geschmack hätte er länger bleiben dürfen. Am besten hat mir Weizsäcker gefallen.
    Lieben Gruß zu dir

    1. Es ist bestimmt nicht immer leicht, klare und ehrliche Worte im Umgang mit unserer Geschichte zu finden, aber finden muss man sie. Daran messe ich einen Politiker.
      So etwas darf nie wieder sein.
      Liebe Clara, ich schick dir liebe Morgengrüße nach Berlin.

  3. Liebe Gudrun,

    ich danke dir, dass du mit diesem Beitrag auf die Geschehnisse in der Parkallee aufmerksam machst. Aktuell ist der Bund der Antifaschisten in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte für Zwangsarbeit dabei, die Geschichte des einstigen Lagers zu recherchieren. Die Namen aller Frauen sind bereits bekannt, auch die einiger Täter*innen und es gibt über die 94. OS Kontakte nach Ungarn. Auf dem Ostfriedhof gibt es das Grab eines Mädchens, welches im Lager tot geboren wurde. Auch das möchten wir kenntlich machen und so an das Schicksal der Menschen erinnern. Wir hoffen, im August (während des Parkfestes) bei einem Rundgang neue Forschungsergebnisse präsentieren zu können. Du bist hiermit schon einmal herzlich dazu eingeladen.

    Liebe Grüße von Klaudia

    1. Ich würde gerne mitarbeiten, liebe Klaudia. Vielleicht gibt es etwas für mich zu tun.
      Ich möchte, dass die Geschichte nicht vergessen wird. Vielen Dank für deinen Kommentar.

      1. Aktive Mitarbeit ist natürlich noch besser und immer herzlich willkommen. Ich melde mich bei dir, wenn es konkreter wird!? Kontaktdaten habe ich ja von dir …

        Nochmals liebe Grüße von Klaudia

  4. Liebe Gudrun,
    gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, an die Geschichte zu erinnern. So etwas darf nicht schön-oder weggeredet werden. Die das machen, handeln unverantwortlich!
    Lieben Gruß
    moni

  5. Ich wohne in einem Stadtteil von Völklingen im Saarland. Dort wurde seit der 1956 erfolgten Umbenennung des Stadtteils „Bouser Höhe“ in „Hermann-Röchling-Höhe“ darum gestritten, diese Umbenennung entweder wieder rückgängig zu machen oder dem Stadtteil einen Namen zu geben, der nicht an den zum Kriegsverbrecher erklärten Hermann Röchling erinnert. Selbiger hatte in seinen Röchling-Werken, heute Saarstahl bzw. Weltkulturerbe Völklinger Hütte, während des Krieges Zwangsarbeiter*innen in der Rüstungsindustrie beschäftigt. Seit 2013 heißt der Stadtteil „Röchlinghöhe“, was auch an die übrigen Mitglieder der Familie erinnert. Ein Fehler in meinen Augen. Denn obwohl die nach dem Krieg erfolgte, Röchlings Rolle während des Krieges ausblendende Umbenennung der Bouser Höhe ein Schlag ins Gesicht für diejenigen darstellte, die als Zwangsarbeiter*innen gelitten haben, erfüllte der Name „Hermann-Röchling-Höhe“ eine ebenso wichtige Funktion wie der große Stolperstein vor dem Haupteingang zum Weltkulturerbe: Er erinnert nicht nur daran, dass kein Mensch nur „böse“ oder nur „gut“ ist, sondern vor allem daran, dass das Unrechtsregime aktiv unterstützt wurde. Ignorieren wir das, malen wir ein falsches Bild von einem Deutschland, in dem angeblich alle dem Widerstand angehörten. Diejenigen, die wir vor einer Wiederholung warnen, würden sich dann zu Recht fragen, wie das damals hatte passieren können – und vermutlich den Kopf in den Sand stecken, weil eins es „eh nicht verhindern“ könne.

    1. Liebe Carmen, danke für deinen langen und lesenswerten Beitrag.
      Wie das damals passieren konnte, das hat sich mein Opa bis zu seinem Tode gefragt. Meine Familie war sehr aktiv. Und dann kam auch noch ich und stellte auch immer wieder diese Frage und die „Warum habt ihr das zugelassen?“ Wenn ich mir heute so ansehe, was um mich herum passiert, dann habe ich eine wage Vorstellung wie etwas beginnen, „normal“ werden und sich hochschaukeln kann.
      In meiner Familie gab es aber auch Spannungen. Der Freund meiner Mutter, mein Vater später, hatte sich achzehnjährig zur Wehrmacht gemeldet. Er wollte ein Held sein, für Volk und Vaterland. Was das für ein Mist war, hat er erst später mitbekommen. Meinem Opa passte das alles nicht. Vielleicht sah er auch Gefahren für sein Tun.
      Nein, alles schwarz und weiß zu sehen ist nicht richtig. Aber darüber reden, das finde ich gut. Eben damit es nicht wieder Alltag wird.
      Danke nochmal für deinen Beitrag.
      Ich schicke dir Grüße ins Saarland.

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