Zeitreise zu den Vorfahren. Warum ich meine Mutter heute in den Arm nahm.

Anregung zu einer Zeitreise zu den Vorfahren

Eine Zeitreise zu meinen Vorfahren

Manchmal bin ich einfach nicht gut zu mir. Ich brauche eine neue Brille, lasse vieles, was Geld kosten würde gnadenlos weg und lege das Eingesparte zur Seite.
Gestern, als ich vom Rheumatologen kam, hatte ich das dringende Bedürfnis, mit etwas Gutes tun zu müssen. Ich schwebte in meine Lieblings-Buchhandlung und kaufte mir die „Filzfun“, eine für mich teure Filz-Zeitschrift. Einfach so. Zum Lesen, träumen und Wohlbefinden. Dass ich zu einer Zeitreise zu meinen Vorfahren angeregt werden würde, wusste ich nicht gleich.
In der Zeitschrift ging es u.a. um eine Filzkünstlerin, die ihre Familiengeschichte aufarbeitet, indem sie Wolle bearbeitet, sie walkt und knetet, mit dem Filz ringt, ihre ganze Energie hinein arbeitet. In diesem Artikel fand ich die Aussage:

Ein geläufiger Lehrsatz in der schamanischen Praxis lautet, man müsse seine Vorfahren heilen, um sich selbst zu heilen.
(Filzfun, Ausgabe 2/2028 – Heft 54, S.12)

Ich weiß nicht, ob das ein schamanischer Lehrsatz ist. Er ging mir jedenfalls nicht mehr aus dem Sinn, beschäftigte mich sehr.
Wie sollte ich meine Vorfahren heilen? Ich war ein Nachzügler und bin schon seit einiger Zeit der Sippenälteste.
Vielleicht gelingt mir das, indem ich mich einwenig zur Seite stelle und alles etwas unbeteiligter, nicht vom Mittelpunkt heraus betrachte.

Es gab da etwas in meinem Leben, was mich immer belastet hat: Meine Mutter wollte mich nicht. Woher ich das weiß? Sie hatte es mir gesagt, als Kind schon und auch später öfter. Wenn ich Kummer hatte und in ihre Arme genommen werden wollte, schob sie mich weg. Warum? Ich hatte nichts getan, war nur da.

Warum ich heute meine Mutter in den Arm nahm.

Meine Eltern hatten den 2. Weltkrieg erlebt, mein Vater als Soldat, meine Mutter zu Hause. Es prägte sie ihr ganzes weiteres Leben lang.

Jede Nacht, wenn die Sirenen heulten, schulterte sie den Rucksack, drückte ihr zweijähriges Kind gegen die Brust und rannte zum Luftschutzkeller. Sie schliefen wochenlang angezogen in ihren Betten, wartend und in Angst. Im Keller war keine Sicherheit. Dieses Fauchen und Zischen, das dumpfe, laute Motorengeräusch, die wuchtigen Einschläge der Bomben! Keiner wusste, ob der Keller getroffen wird oder was einen erwartet, wenn man ihn wieder verließ.
Das Kind in ihren Armen weinte. Es hatte Angst und Hunger. Die Angst konnte sie dem kleinen Jungen nicht nehmen und gegen seinen Hunger konnte sie nichts geben.

Diese Gefühle der Angst und der Ohnmacht blieben, auch nachdem der Krieg lange vorbei war.
Meine Mutter hatte keine Kraft für ein zweites Kind, welches nicht geplant war. Ihre ganze Liebe galt dem kleinen Jungen, den sie damals mit ihrem Körper zu schützen versuchte und Wärme gab.

Ich verstehe das. Jetzt.

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