Dorfgeschichten. Wer zu spät kommt, den bestraft der Holunder.

Dorfgeschichten.
Eigentlich wollten wir heute Holunder pflücken. Eigentlich. Meine Freundin und ich mussten mithin große Verrenkungen machen, um an die allerletzten Reste der Blüten zu kommen. In diesem Jahr ist alles zeitiger, erzählte man uns. Das stimmt schon, aber ich habe es allerdings auch schleifen lassen.

Dorfgeschichten

Wennschon, für Holundersirup reicht meine Ernte noch. Aber auch so hat sich die Ausfahrt ins Leipziger Land, in die Nähe meines alten Dörfchens, gelohnt. Es war ein bisschen so, als würde ich nach Hause kommen.
Der Blick über die Felder tut so gut. Diese Weite! Automatisch fange ich an, tiefer zu atmen, den Geruch von Erde, Gras, jungem Getreide, blühenden Büschen aufzunehmen. In der Ferne läuten Kirchenglocken.

Johanniskraut

Ach, Johanniskraut, damit kann ich übrigens Wolle färben.
Die Trockenheit der letzten Monate merkt man auch hier. Das Getreide und der Mais haben es schwer, zu wachsen. Aber auch viel Gras ist einfach vertrocknet.
Um die Blumen und Blüten am Wegrand drängen sich indes Insekten. Ich beschließe, ihnen das Johanniskraut zu lassen.

eifrige Sammler am Wegesrand

Wir laufen den Radweg entlang, meinen Radweg, auf dem ich so oft unterwegs war vor Jahren. Im Frühjahr spürte ich, wie die Natur erwachte, im Sommer sah ich das Getreide wachsen und konnte bei der Ernte zusehen, im Herbst färbte sich das Laub bunt und im Winter erfasste eine tiefe Ruhe das Land. Das Werden und Wachsen und auch das Ruhen erlebe ich in der lauten, hektischen Stadt so nicht.

Ich bin erstaunt, wie viele Menschen gerade unterwegs sind, Spaziergänger, Jogger, Radfahrer. Und alle scheinen gute Laune zu haben. Mit den meisten kommen wir jedenfalls ganz leicht ins Gespräch. Einfach so. Das hat mir damals im Dörfchen schon gut getan. Im Folgendem macht sich ein bisschen Wehmut in mir breit.
Radfahrer in Rennmontour, die wir bereitwillig passieren lassen, fragen uns, ob wir mit unseren Körben Kartoffeln stoppeln wollen. Wir lachen. Ja, ein bisschen sieht das schon so aus. Andere fragen, was ich für ein Kraut in meinem Korb habe und ob ich denn wüsste, was da am Rande des Radweges so schön lila blüht. Im Korb waren zwei Stängel Johanniskraut (mehr wollte ich den Bienen nicht fortnehmen) und am Wegrand blüht der stinkende Storchenschnabel. Warum der so heißt? Riecht mal dran.
Nun ja, Dorfgeschichten halt, aber welche, die so gut tun.

Dorfgeschichten

Wenn ich jetzt der Biegung folge, dann kann ich das Storchennest auf der Esse einer alten Gärtnerei sehen. Warum nur habe ich keine Kanne Kaffee eingepackt und etwas zum Essen. Eine Brotzeit zwischen den Feldern mit Blick auf die Störche wäre bestimmt sehr entspannend geworden.

Blumenwiesen

Als ich im Dorf lebte, war ich viel mehr draußen als jetzt. Manchmal habe ich mir einfach die Kamera geschnappt und bin losgelaufen. Die Stadt erleichtert mir das Leben in vielen Dingen, aber sie ist laut und das ertrage ich nicht immer. Sogar die Spatzen sind in der Stadt lauter.
Es fängt an zu tröpfeln, ganz leicht nur. Der Regen ist warm und stört höchstens als Tropfen auf der Brille. Es riecht wieder so gut nach Erde und Gras. Ich möchte am liebsten gar nicht wieder weg hier.

Meine Freundin möchte langsam umkehren. Wir hatten indes das Auto neben der Bundesstraße stehen gelassen. Auf dem Rückweg kommen wir wieder an den Kulkwitzer Lachen vorbei. Der Nabu lässt mit Schottischen Hochlandrindern und Leineschafen die Grünlandflächen freihalten und verhindert so eine Verbuschung. Wir befinden uns mitten in einem Naturschutzgebiet. Ich mag diese Landschaft sehr.
Hier liegt also schon Winterfutter für die Leineschafe, deren Wolle ich wieder verspinnen werde, wenn ich zu Hause bin.

Zu Hause! Ach, manchmal denke ich ernsthaft darüber nach, ob ich es wirklich gefunden habe. Dennoch, es war schön, dass ich mich heute mal wieder auf Dorfgeschichten eingelassen habe.

Hallo, Großstadt! Ach komm, sei nicht ninglich. Ich bin ja nichtsdestotrotz wieder da.