Hitzewelle. Schlüsselstress. Freundlichkeit und Gleichgültigkeit.

Garten wässern, Vögeln Wasser und Futter bringen, Bäume gießen. Nein Letzteres geht gerade nicht. Ich bekomme die Wassereimer nicht die Treppe hinunter. Die nächste Hitzewelle ist im Anmarsch, schlimmer als das, was bis eben war. Auf dem Balkon glüht die Luft, in der Wohnung genauso. Heute zählte Leipzig zu den wärmsten Städten. Ein Ende der Hitze und der Trockenheit ist nicht in Sicht. Von meiner Herumrennerei heute Morgen habe ich mich den ganzen Tag nicht erholt.

Als ich heute Morgen meinen Müll wegbrachte, saß neben dem Müllplatz eine Amsel, ganz still, und sah mich an. Der Zufall wollte es, dass vor der Mülltonne eine schöne Keramikobstschale stand. Mir kam eine Idee. Warte Amsel, du bekommst das Wasser, was ich immer bei mir habe. Ich stellte die Schüssel neben den Müllplatz, füllte das Wasser in die Schale und ging los, um im Garten zu gießen.

Im Garten merkte ich, dass ich meinen Schlüssel nicht hatte. Ich hatte ihn im Schloß am Müllplatz vergessen. Im Dauerlauf hastete ich zur Straßenbahn und dann zum Müllplatz. Kein Schlüssel. Ich hatte gehofft, dass er noch steckte. Einige Meter vom Müllplatz weg ist ein Vermietungsbüro meiner Genossenschaft. Dorthin hätte ich einen Schlüssel auch getragen, wenn ich ihn gefunden hätte. Also wieder los gerannt.

„Ach,“ sagte die freundliche Empfangsdame, „da war gerade ein junger Mann da. Der hat einen Schlüssel gefunden. Ich gehe mal fragen.“
Als sie wieder kam, war sie wie ausgewechselt.
„Einen Schlüssel haben wir nicht. Schließlich sind wir kein Fundbüro!“
„Vielleicht haben sie ja den Namen des Mannes notiert?“
„Nein. Hängen Sie doch einen Zettel an den Müllplatz.“
„Das kann ich nicht, denn Zettel und Stift liegen in meiner Wohnung. Und ich habe keinen Schlüssel.“
Sie zuckt mit den Schultern, dreht sich um und geht.

Ich habe noch einen Zettel organisiert und aufgehängt. Der Schlüsselfinder hat mich angerufen und ich bekam zum Glück meinen Schlüssel wieder.
Die Begegnung in dem Vermietungsbüro geht mir aber nicht so schnell wieder aus dem Sinn. Es ist eine Genossenschaft, die Radiowerbung macht und mit ihrem kostenlosen Schlüsseldienst wirbt: Wir lassen Sie nicht draußen stehen. Ach!
Nein, ein Fundbüro sind sie nicht, aber ein bisschen Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wäre schon nicht schlecht. Ich dachte immer, dass das eine genossenschaft ausmacht.

Ach Schluss jetzt. Ich will mich nicht mehr ärgern, sonst leide ich in dieser elenden Hitzewelle noch mehr.
Ich kaufe morgen eine Flasche Sekt für den Schlüsselfinder. Ihm war nämlich klar, dass der Schlüssel nur jemandem aus der Genossenschaft gehören konnte und wollte in alle Hauseingänge Zettel hängen. Neue Schlösser überall einbauen ist verdammt teuer und muss nicht sein, wenn wir uns gegenseitig helfen. Das tröstete mich dann schon wieder und ich musste den fremden Mann erstmal drücken.

Es ist immer noch höllisch warm draußen. Die Mauern des Hauses haben sich aufgeheizt, aber ich setze mich jetzt trotz elender Hitzewelle ein bisschen auf meinen Balkon. Deshalb: