Wenn ich Ruhe brauche flüchte ich zur Wolle. Es hat sich bewährt.

Färben mit Essigbaumblättern

Oh, ich stehe noch in der Schuld mit ausstehenden Briefen und Mails. Bitte, ich habe euch nicht vergessen. Es war nur gerade etwas viel Tohuwabohu mit meinem Sch…rheuma, mit Arztbesuchen und Ämtern. Ich arbeite alles noch auf. Versprochen.
Immer, wenn es so angespannt ist, muss ich sehen, dass ich mir meine ruhigen und auch glücklichen Momente schaffe. Das lasse ich mir von nichts und niemand nehmen und so finde ich immer wieder zu meinem ausgefüllten, zufriedenen und auch glücklichen Leben. Wie? Wenn ich Ruhe brauche flüchte ich zur Wolle.

Schon vor längerer Zeit hatte ich mir vorgenommen, Textilien selber herzustellen. Nähen kann ich nicht, aber stricken. Das Weben wird noch dazu kommen und bestimmt knüpfe ich auch wieder mal einen Teppich.
Das, was ich noch nicht weiß, weil es mir bis dahin nicht so wichtig erschien, werde ich lernen und durch „sinnvolles Probieren“ (so nannten wir das früher, wenn wir so lange friemeln mussten, bis es eben stimmte) hin bekommen.

Ich brauchte noch mehr von der gelben Wolle, die ich durch die Färbung mit den Blättern des Essigbaumes bekommen habe. Ich stricke gerade an einem Top. Jacke, Mütze, Stiefelstulpen kommen noch. Komisch ist es schon, jetzt an kalte Tage zu denken. Und da sitze ich und stricke, trösele das wieder auf und fang noch mal an, habe die Hände im Farbsud und freue mich dann wie Bolle, wenn alles sitzt. Tätig sein, wie auch immer und womit auch immer, ist immer noch die beste Empfehlung, um frei zu sein und sich auch so zu fühlen. Deshalb eben flüchte ich zur Wolle, wenn ich Ruhe brauche.

Wolle färben mit Essigbaumblättern

Die Blätter

Wenn ich Ruhe brauche flüchte ich zur Wolle. Färben mit Essigbaumblättern.

Gestern musste ich nochmal meine Essigbäume vor dem Haus um Blätter bitten, denn ich brauche ja noch gelbe Wolle. Also habe ich erst einmal gesponnen wie ein Weltmeister und dann die Essigbäumchen heimgesucht. Ich kann es nicht lassen: Wenn ich die benötigten Blätter im Korb habe, bedanke ich mich bei den Bäumen. Hoffentlich hört das niemand. Freundlich sein und nett scheint in unserer Zeit als Schäche angesehen zu werden. Mit Bäumen reden, das ist wahrscheinlich dann irre.

Essigbaumblätter auskochen ist schon etwas, sagen wir mal, speziell. Es riecht! Zum Glück dauert das nicht lange. Wenn die Blätter zusammengefallen sind, ist es vorbei mit den Düften.
Ganz schnell wird man feststellen, dass die Blätter ihre grüne Farbe verlieren und sich gelblich färben. Logisch, denn das Chlorophyll färbt nicht.

Die Gerbstoffe in den Essigbaumblättern bringen die gelbe Farbe

Wolle in den Sud

Nachdem die Blätter ca. zwei Stunden sanft vor sich hin geköchelt hatten, gieße ich das Ganze durch ein Sieb. Die Blätter kommen auf den Kompost.
Schon, wenn man die Wolle in das Färbebad einlegt, nimmt sie gelbe Farbe an. Ich brauch es aber intensiver. Deshalb wird es gleich heiß.


Wolle im Farbsud - schon ohne Hitze wird es gelb
Diesmal hatte ich keine Lust zu warten, bis sich der Sud abgekühlt hat. Wolle mag keine plötzlichen Temperaturunterschiede. Deshalb habe ich die mit Alaun gebeizte Wolle in Wasser erhitzt, bis sie die gleiche Temperatur hatte wie der Farb-Sud. Ein Bratenthermometer ist da sehr hilfreich.

Ist die Wolle im Sud, erhitze ich alles auf etwas über 90° C und lasse es eine Stunde bei dieser Temperatur im Topf vor sich hin ziehen. Dann lasse ich alles über Nacht abkühlen.

eine Stunde badet die Wolle im ca. 90° C warmen Farbsud

Sonnengelbe Wolle – das Färbeergebnis

das Sonnengelb der Wolle tut der Seele gut

Am nächsten Tag oder nach 12 Stunden wird nochmal eine kleine Fleißarbeit fällig:

  • gründlich spülen,
  • mit wenig Wollwaschmittel waschen,
  • im Essigbad nochmal entspannen lassen
  • und dann: Wolle aufhängen und sich an der Farbe freuen.

Ich sitze dann immer mit dem Kaffeepott meinem Wäscheständer gegenüber, schaue meine Wolle an und freue mich über die schöne sonnengelbe Farbe. Nur das Schaf habe ich nicht geschoren, alles andere ist mein Werk. Ich bin zufrieden.
Und wieder hat es sich bewährt: Wenn ich Ruhe brauche flüchte ich zur Wolle. Punkt.