Husum. Die graue Stadt, die gar nicht grau ist.

Meine Lieblingsmöwe in der Stadt Husum

Eigentlich wollte meine Tochter mit mir von Husum aus eine geführte Wattwanderung nach Rungholt machen. So etwas schaffe ich gesundheitlich gerade nicht. Ebenso die Wanderung auf dem Deich entlang zum Nordstrand muss mal noch warten. Husum dagegen musste ich einen Besuch abstatten, wo ich doch sowieso zu Storm wollte. Das musste indes sein. Also bin ich tapfer durch die graue Stadt gehumpelt. Grau? Wieso eigentlich?

Manchmal ist das so: Wat den Eenen sin Uhl, is den Annern sin Nachtigall.
Im Januar 1362 gab es die an der Nordsee eine verheerende Sturmflut, die „Grote Mandrenke („großes Ertrinken“). Die Sturmflut war so heftig und fraß sich so brutal ins Land, dass Husum quasi über Nacht zur Hafenstadt wurde. Aus das sagenumwobene Rungholt ging unter, das Watt entstand. Husum wurde Warenumschlagsplatz, blühte auf, bis die Burchardiflut kam.

In der Nacht vom 11. bis 12. Oktober 1634 fielen dieser Flut (benannt nach einem Heiligen, hier dem Bischoff von Würzburg) 8000 bis 15000 Menschen zum Opfer und aber auch Teile des Husumer Hafens mit den Speichern. Der Wasserbauingenieur Jan Adriaanzoon Leeghwater beschrieb das so.

Große Seeschiffe waren auf dem hohen Deich stehengeblieben, wie ich selber gesehen habe. Mehrere Schiffe standen in Husum auf der hohen Straße. Ich bin auch den Strand allda geritten, da hab ich wunderliche Dinge gesehen, viele verschiedene tote Tiere, Balken von Häusern, zertrümmerte Wagen und eine ganze Menge Holz, Heu, Stroh und Stoppeln. Auch habe ich dabei so manche Menschen gesehen, die ertrunken waren.

Als Theodor Storm 1817 geboren wurde, hatte Husum seine Blütezeit als Handelsstadt längst hinter sich. Storm allerdings liebte seine Stadt sehr. Er widmete ihr das Gedicht von der grauen Stadt, welches ich in der Schule noch lernen musste, ohne etwas über die Geschichte dieser Stadt, um die es ging, zu wissen.

Husum, die Stadt, die nicht grau ist

Die Stadt
Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohne Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.
– Theodor Storm –

Nach dem Besuch bei Theodor Storm sind wir zum Hafen gegangen und haben da gesessen mit einem Käffchen. Die Sonne schien und wir waren nicht die einzigen, die unterwegs waren. Ich hätte noch ewig so sitzen können, aber ich musste noch zurück tippeln, durch die Stadt, zum Auto.
Ja klar, da wo man seine Jugend verbringt, das vergisst man nicht. Das bringt das Besondere der Jugendzeit eben so mit sich. Warum Storm seine Stadt so sehr liebte, kann ich allerdings jetzt erahnen.

Mit ihr hatte ich mich angefreundet. „Hast du was für mich?“, scheint sie zu fragen. Man soll die Tiere in der Stadt nicht füttern, ich weiß. Mir war aber ganz aus Versehen ein kleines Krümelchen von meiner Brezel heruntergefallen. Ich konnte gar nichts dafür. Ich schwöre.

Hast du was für mich?