Mein Großvater, Sozialdemokrat und Kriegsgegner.

Das war mein Opa, und er zwang keine Familienmitglieder in eine Konfession. „Sie sollen sich frei entscheiden, wenn sie alt genug sind und selber denken können“, meinte er.
Im ersten Weltkrieg belastete ihn ungemein, dass auf dem Koppelgürtel stand: Für  Gott und Vaterland. Nein, dafür lag er nicht in der Scheiße.

Im zweiten Weltkrieg gab er sein HiFi-Radio nicht ab, wie angeordnet. Während der schrecklichen Bombenangriffe, saß er unter einem Federbett mit seinem Radio, während seine  Familie im Schutzraum saß. Er hörte die Nachrichten von Radio London und Radio Moskau und schrieb alles sorgfältig auf.
Am nächsten Tag nahm er die Schnitten mit Harzer Roller, den er als Schwerarbeiter im Tagebau erhielt statt Wurst und Fleisch, packte seinen Nachrichtenzettel dazu und die von Freunden und lieben Nachbarn gegebenen Wollsocken und Pullover, und legte alles an die Gleise im Tagebau, nicht weit von seinen Weichen, die er dort zu stellen hatte. Ein Aufseher meinte mal: „Otto, mach das wenn ich Dienst habe. Ich kann mich umdrehen, wegsehen. Andere machen das nicht.“
Aufseher? Ja, die gab es, denn im Tagebau arbeiteten russische Kriegsgefangene, bekleidet mit Drillich und Holzpantoffeln. Barfuß. Im Winter.

Und dann war der Krieg vorbei.
Die Russen kamen, und fuhren mit einem Jeep bei meinem Opa vor. Keiner wusste, was gleich passiert. Meine Mutter, eine junge Frau, wurde im Schrank versteckt. Alle hatten Angst.
Sieben Männer kamen ins Wohnzimmer. Einer, ein ehemaliger Kriegsgefangener, ein Russe und vor dem Krieg  Deutschlehrer in Petrograd, bat meinen Opa, sein Radio anzumachen. „Bitte, Otto, wir wollen einmal Radio Moskau hören, die Stimme der Heimat.“ Und dann standen die Männer um das Radio und ihnen liefen die Tränen über das Gesicht. Meine Mutter hatte die Schranktüre einen Spalt geöffnet und weinte auch.

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