Warum wir Deutschen so gerne viele Sustantive im Satz verwenden. Typografische Röslein.

Das Initial "G"udrun fängt mit „G“ an und deshalb habe ich zur Illustration meines Beitrages ein Initial G erstellt. Blöd nur, dass mein Satz jetzt auch mit „G“ anfangen sollte. Und weil er das nicht tat, habe ich es eben passend gemacht.
Bei mir am Haus parken mache Mitbewohner etwas, sagen wir mal, liederlich, eben auf der Wiese. Der Vermieter hatte einen Zettel in den Hauseingang gehängt, um darauf hinzuweisen, dass „das Abstellen von Fahrzeugen an der Zuwegung zum Grundstück“ nicht gestattet sei. Ich glaube wir Deutschen sind Weltmeister, was die Anzahl von Substantiven in einem Satz anbelangt.

Wenn man ein Stück zurück geht in der Schriftgeschichte und sich die Großbuchstaben des Barocks ansieht, bemerkt man, dass sie mit Schnörkeln kaligrafisch verziert sind. Der Kupferstich machte es möglich (ich schrieb darüber). Faszinierend ist, dass die Schnörkel aber auch Einfluss auf die deutsche Rechtschreibung hatten.
In der Luther-Bibel von 1522 gab es nur ganz wenige Substantive mit Großbuchstaben und Schnörkeln. Zuerst wurden die Worte „Gott“ und „Herr“ groß geschrieben, etwas später folgten auch Kirche, Papst, Bischof, Kaiser, Fürst … Es setzte eine richtige Sucht ein zur Schriftauszeichnung. Verschnörkelte Großbuchstaben gab es nicht nur am Seitenanfang oder in einzelnen Worten.
Am Ende des 16. Jahrhunderts vergrößerten die Schriftsetzer den Zeilenabstand, damit die schnörkelhaften Großbuchstaben mit weitausholenden Anstrichen und großen Unterlängen Platz hatten. Viele Substantive im Satz hat man geliebt. So kam es, dass sich die Schriftkunst von damals kunstvoll gearbeitet zeigt, manchmal aber auch recht überladen erscheint. Die „typografischen Röslein“ sind auch eine Erfindung der damaligen Zeit.

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