Gedanken über starke Frauen und einen kleinen Jungen in Fellresten.

Schaut bloß mal, wie sich die beiden Frauen im Hintergrund freuen. In dieser Zeit! Sie haben ihr Lachen nie verloren, denn sie waren starke Frauen.
In einer alten Kiste voller Fotografien, die meiner Oma mal gehörten, fand ich dieses Bildchen. Es war nicht viel größer als eine Briefmarke, aber es hat seine Geschichte erzählt.

Der kleine „Kerl“ im Vordergrund ist mein Bruder. Zwei Jahre war er alt. Der zweite Weltkrieg war noch nicht vorüber.
Meine Mutter hatte Putzmacherin gelernt. Das konnte sie auch richtig gut, und so manche Dame der Prominenz im Kleinstädtchen trug einen solchen Hut. Es kam die Zeit, da waren Hüte unwichtig. Und so setzte sich meine Mutter an die Nähmaschine und nähte Pelzmäntel zu Jacken und Kindermäntelchen um, Umhängefüchse zu Mützen und Kragen … Bezahlen konnte sie keiner und so fragte sie, ob sie die Fellreste behalten könne. Sie durfte und aus solchen Resten nähte sie die Winterbekleidung für meinen großen, damals so kleinen Bruder.

Es hat mich immer an meiner Mutter fasziniert, dass sie sich nie hat unterkriegen lassen. Wenn es kalt war, kletterte sie auf die Brikettloren und klaute Briketts. Die stopfte sie in einen Rucksack und lief damit in die Dörfer, um sie gegen Eier und Speck einzutauschen. Kartoffelschalen wurden zu Mehl gemahlen. Die Kekse nahmen meinen Bruder für kurze Zeit den Hunger und meiner Mutter drückte es bald das Herz ab, wenn sie sah, was mein Bruder essen musste.
Die Frauen im Haus kochten gemeinsam im Waschhauskessel Zuckerrüben-Sirup. In Schichten, denn er musste die ganze Nacht kochen und gerührt werden. Rübensirup fand ich immer lecker, aber ich wurde ja auch lange nach dem Krieg geboren. Meine Mutter hat ihn zeitlebends gehasst.
Zur Führerweihnachtsfeier ging sie nicht. Sie wollte keine Almosen, sie wollte ihren Mann zurück. „Pass auf, dass so was nicht wieder passiert“, sagte sie immer. „Es fängt ganz harmlos und lächerlich an.“

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