Die Oma mit dem Pudel

Ich bin gerade am Bilder sortieren. Manche Erinnerung keimt auf, und ich bin froh, dass ich sie habe.

Immer, wenn ich mein jüngstes Kind zur Tageskrippe brachte, trafen wir eine alte Frau. Sie war etwas schlecht zu Fuß, aber sie war jeden Tag mit ihrem Pudel unterwegs. Meine Tochter kam nie an dem Hund einfach so vorbei. Sie musste mit ihm spielen, ihn streicheln. Und er? Wenn er sie sah, begann er Männchen zu machen und zu tänzeln. Einfach so, aus Freude.
Während Kind und Hund beschäftigt waren, hatte ich Gelegenheit, mit mich der Frau zu unterhalten.

Als ihr Mann starb, war sie plötzlich alleine. Ihre Kinder besorgten ihr eine kleinere Wohnung, im Erdgeschoss, damit sie nicht so viele Treppen steigen musste, halfen ihr, sich einzurichten. Das Alleinesein machte ihr zu schaffen. Nein, gut laufen kann sie nicht mehr. Aber für wen sollte sie jetzt noch einkaufen? Wem sollte sie erzählen, was sie draußen erlebt und gesehen hatte? Sie ging fast nicht mehr nach Draußen.
„Du brauchst einen Hund“, sagte ihr Sohn.
„Nein, ich will keinen Hund. Lasst mich einfach alle in Ruhe.“
Der Sohn kaufte sich selbst einen Hund, eben den kleinen, lebenslustigen Pudel. Kurze Zeit später rief er bei seiner Mutter an und bat sie, einige Tage auf den Hund aufzupassen, denn er müsse auf Dienstreise.
„Dass du den Hund aber bald wieder abholst“, mahnte die Mutter.
Der Sohn versprach es und brachte den Hund. Abgeholt hat er ihn nicht wieder. Er bezahlte jedes Jahr den Tierarzt und die Steuer. Freitags brachte er Futter. Schließlich war das sein Hund. Nur Zeit für den Hund hatte er gerade so gar nicht.
Die alte Frau lächelte verschmitzt, als sie das erzählte. „Ich hätte ihn auch nicht wieder hergegeben“, sagte sie leise.

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