Konzentrier dich doch mal!

Pass auf! Konzentriere dich doch mal! Träume nicht!
Oh, das hab‘ ich als Kind oft zu hören bekommen. Ich brauchte damals meine Tagträumereien, und ich brauch sie auch heute noch. An meinen Leistungen in der Schule gab es bei mir nichts zu deuteln. Zum Glück. Wer weiß, was man mir sonst für ein Aufmerksamkeitsdefizit bescheinigt hätte. Meine Mutter hätte das bedingungslos geglaubt.

Wißt ihr, wenn ich aufblicke, aus dem Fenster schaue und den Wolken hinterhersehe, dann entspannen nicht nur meine Augen. Ich stelle mir vor, wo sie hinziehen werden und bin dann an Orten, die ich nicht mehr sehen werde in meinem Leben. In dem Moment bin ich aber dort. Das tut der Seele verdammt gut. Meine Mutter wurde immer zornig, wenn sie mich wegen der Träumerei tadelte und ich da saß und lächelte. Ich habe sie nie ausgelacht, denn sie war für mich in manchen Momenten gar nicht da. Oder war ich wo anders?

Unser Gehirn ist manchmal eine wahre Zeitmaschine. Ich habe mir bestimmte Situationen, die real viel später stattfinden sollten, schon mal früher erlebbar gemacht, den Zeitpunkt des Ereignisses einfach verschoben. Meine erste Unterrichtsstunde z.B., die ich halten sollte, und die ersten Worte, alleine vor vielen Menschen. Oder das Gespräch beim Wohnungsamt, weil ich dringend eine andere Wohnung brauchte für mich und meine Kinder. Ich wollte auf keinen Fall abgewimmelt werden. Manchmal auch Worte, um etwas zu beenden und niemand weh zu tun. War die Sitiuation zeitlich herangerückt, hat sie mich nicht mehr erschreckt, denn sie war nicht neu, unbekannt, plötzlich da. Meine Tagträumereien und die Zeitmaschine im Kopf hatten mir gute Dienste erwiesen. Ich bin kein sonderlich ängstlicher Mensch.

In den Träumen bestimme ich alles Tempo. Da gibt es niemand, der Druck macht. Die Gedanken können fließen, Ideen können  sich entwickeln, ohne dass man Angst haben muss, ausgelacht zu werden. Ist die Idee groß genug, kann man sie auch in der „realen“ Welt vertreten. Man hat genug Selbstbewußtsein entwickelt, dass es einen egal ist, ob jemand lacht.

Vielleicht sitze ich deshalb so gerne am Spinnrad, weil ich mir da ein Stückchen Zukunft schon mal her holen und in ihr verweilen kann. Glück nenne ich das und nehme es mit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.