Freundschaften

ein Brief, der Mut macht
ein Brief, der Mut macht und beantwortet werden muss

Liebe Martina,

deinen Brief habe ich heute erhalten und mich sehr gefreut. Du hast dir sogar die Mühe gemacht, einen Stern auf den Umschlag zu zeichnen. Ja, das ist so einer, der gepflückt werden will. Wie in dem Buch vom Träumen, Ziele stecken, Sterne pflücken.

Der Artikel von der Filzerin, die die Rohwolle der familieneigenen Schafe verarbeitet, kommt in meinen dicken, gelben Ordner. Da sind schon wahre Schätze drin. Ich habe Bastelanleitungen gesammelt (Wolliges), Kräuterrezepte, Filzanleitungen, Strickideen, Sprüche und Lieder über das Spinnen, und auch all meine eigenen Ideen, Veranstaltungsplanungen. Der Ordner enthält aber auch Geschichten von Menschen, die den Mut hatten, ihre eigenen Ideen zu leben. In Erfurt gibt es einen Mann, der in mittelalterlicher Kleidung durch die Innenstadt läuft und Brezeln verkauft. Es gibt eine Frau, die mit Schulkindern auf Kräuterwanderung geht oder eine Ökonomin, die die Familienschäferei in Sachsen verwaltet, nebenbei den Hofladen betreibt, Spinn- und Filzkurse gibt. Da hinein kommt dein Artikel. Weißt du, immer, wenn mich der Mut etwas verlässt, dann blättere ich mich durch den dicken, gelben Ordner.

Manchmal kommen mir Zweifel, ob die ganze Mühe, die ich mir mache, auch irgendwann einmal wertgeschätzt wird. Wertschätzung? Ist es nicht oft so, dass nur das geschätzt wird, was Geld oder Gewinn einbringt? Je mehr, desto größer ist die Wertschätzung? Ich werde schon manchmal belächelt, wenn ich sage, dass ich alte Handarbeitstechniken vor dem Vergessen bewahren, einheimische Schafwolle vor dem Unterackern schützen, für ruhige, unterhaltsame und entspannte Stunden sorgen möchte.
Wahrscheinlich werde ich nie einen eigenen Raum haben, wo ich all das zeigen kann. Schafe wird es bei mir nicht geben und einen Hofladen bestimmt auch nicht. Und trotzdem hebe ich die Anleitung für den Bau eines Backofens im gelben Hefter auf. Ein Spinnstübchen auf’s Papier zu bringen, das könnte allerdings gehen. Und deshalb setze ich mich jeden Tag an den Schreibtisch und schreibe, zeichne, bearbeite Fotos … Ich bin stolz, wenn ich wieder etwas geschafft habe. Auch, wenn mir keine Taler in den Schoß gefallen sind.

Und wenn die Durchhänger kommen? Und die Zweifel?
Dann habe ich Freunde, die mir den Kopf wieder gerade rücken, die mir Mut machen, die mir helfen. Du bist so ein Freund. Wir haben ein so unterschiedliches Leben gehabt, im geteilten Deutschland und auch danach. Und doch ist Vertrauen und Achtung gewachsen. Das gibt mir viel Kraft. Ich weiß nicht, ob du ahnen kannst, wieviel.
Und jetzt? Jetzt krempele ich mal noch einwenig die Ärmel hoch.

Herzliche Grüße sendet dir die Gudrun.

 

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