Wie ich zum Sprachenmuffel wurde.

gegen den Sprachenmuffel

Ich lerne Englisch. Und das in meinem Alter. Nein, ich habe keine Vorkenntnisse. An meiner Penne gab es zwei Sprachrichtungen, Englisch und Französisch. Die meisten wollten Englisch lernen und so wurden die Klassen einfach eingeteilt. Ich lernte also die französische Sprache und war darin ganz gut. Ich kaufte mir Zeitungen, las, übersetzte, lernte Wortverbindungen. Wenn im Altenburger Schloss eine Führung in französischer Sprache gewünscht wurde, trabten meine Freundin und ich los. Als französische Abiturienten bei uns zu Gast waren, waren wir die Ansprechpartner. Alles ging gut und machte Spaß. Dann aber passierte es: Ich wurde zum Sprachenmuffel.

Wollt ihr die Geschichte hören?

Durch die Kontakte zu den französischen Jugendlichen entwickelten sich Brieffreundschaften. Ich freute mich immer sehr, wenn ich aus Frankreich Post bekam und war stolz wie Bolle, wenn ich es lesen und verstehen konnte. Zu einem Jungen in Le Havre war der Kontakt besonders eng. Wenn nicht eine Mauer um mich herum gewesen wäre, hätte ich ihn besuchen können.

Als ich an einem Wochenende aus meinem Internat nach Hause kam, merkte ich meinen Eltern an, dass etwas nicht stimmte. Meine Mutter sah recht unglücklich aus und mein Vater war schweigsamer als sonst.
„Wir müssen mal mit dir reden“, sagte mein Vater nach dem Abendessen.
„Du weißt, dass ich bei der Polizei arbeite?“
Ich nickte.
„In dieser Woche wurde ich nach Altenburg zum Amtsleiter bestellt. Wegen dir!“
Ich riss erschrocken die Augen auf. Was hatte ich denn gemacht?
„Du unterhältst Kontakte ins nichtkapitalistische Ausland“, fuhr mein Vater fort. „Das ist Polizisten und ihren Angehörigen untersagt. Wenn du das nicht unterlässt, muss ich den Dienst quittieren.“
Totenstille war in unserer Küche.
„Was soll ich denn in meinem Alter anderes machen? Bitte hab‘ Verständnis.“

Nein das hatte ich nicht, auch wenn alle Diskutiererei nichts brachte.
„Ihr könnt mich mal am Arsch lecken“, dachte ich und beschloss, mir meine Post ins Internat schicken zu lassen. Bestimmt hatte mich die Postfrau verpetzt, die dumme Kuh.

Kurze Zeit später ereilte mich zu Hause die selbe Situation. Meine Eltern redeten auf mich ein, diese Kontakte zu unterlassen.
Ich rannte in mein Zimmer. Meine Briefe waren weg. Mein Adressbuch war weg. Meine Eltern hatten gründlich aufgeräumt. Ich konnte mich nicht mal mehr von meinem Brieffreund, der mir sehr ans Herz gewachsen war, verabschieden.
Meiner Postfrau muss ich Abbitte tun. Sie hatte mit allem nichts zu tun, denn was ich damals nicht wusste: Es gab die „Abteilung 12“, eine an die Post der DDR angegliederte Abteilung der Stasi.

Als ich mal wieder gefragt wurde, ob ich vielleicht im Altenburger Schloss eine Führung in französischer Sprache machen könnte, kamen mir die Tränen und ich sprach aus, was in dem Moment in mir hoch wallte: „Ihr könnt mich mal… “ So wurde ich zum Sprachenmuffel. Ich brauchte keine Sprachen, denn Kommunikation war nicht gewünscht.

gegen den Sprachenmuffel

Und nun lerne ich nach so vielen Jahren Englisch. Mit einer App, weil mir das keine Kosten bereitet. Ein Sprachenmuffel zu sein, ist nämlich überhaupt nicht gut. Zu keiner Zeit.

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