Sehnsucht nach guten Worten und Freundlichkeit.

Sehnsucht nach guten Worten und Freundlichkeit und nach Frühling

Im letzten Beitrag hatte ich die schwedische Schülerin und Umweltschützerin Greta Thunberg erwähnt. Ich habe große Hochachtung vor dem, was sie tut. Dass sie aber jetzt im Netz mit üblen Kommentaren attackiert wird, das finde ich schlimm und auch nicht hinnehmbar. Ich habe Sehnsucht nach guten Worten und Freundlichkeit, gerade jetzt um so mehr.

Grobschlechtigkeiten im Netz

Vor 74 Jahren befreiten sowjetische Truppen Auschwitz. Aus diesem Anlass gedachte der Bundestag gestern der Opfer des Nationalsozialismus. Der Historiker Saul Friedländer, ein Überlebender des Holocaust, sprach mit bewegenden, ruhigen Worten über seine Erlebnisse in der Zeit und seine Hoffnungen für die Zukunft.
Dass vor Ausgrenzung und aufkeimendem Antisemitismus gewarnt wird, finde ich richtig. In meinem Bekanntenkreis wurde in letzter Zeit viel darüber gesprochen, über das, was damals war und das was wir heute beobachten. Ich hatte das große Glück, in einer Familie groß geworden zu sein, wo das kein Tabuthema war. Diese Familie hat mir viel mitgegeben, auch das Bewusstsein, dass man auch in schlimmen Zeiten nicht den Kopf in den Sand stecken muss. Man kann immer „anständig“ und handlungsfähig im Sinne der Menschlichkeit sein und bleiben. (Großvater du fehlst mir sehr.)

Und dann lese ich die Kommentare unter einem Beitrag des ZDF. „So alt sind die Überlebenden geworden? Da sieht man mal, die sind zäher, als gedacht.“ Mir kam die Galle hoch.
Eine Zeitlang dachte ich, dass ich mich aus diesem Netz zurückziehen muss. Es wurde mir zu viel, was an Hass und Großkotzigkeit da ausgekübelt wurde. Aber soll ich diesen genialen Ort der Wissensaneignung und des Gedankenaustausches Leuten überlassen, die offensichtlich ihre gute Kinderstube vergessen haben oder nie eine hatten?
Manche warten nur auf irgendeine Nachricht, egal welche, und hacken dann in die Tastatur. Mit immer den gleichen stupiden Inhalten, groben Worten, Beleidigungen. Mit ihnen lege ich mich nicht an, denn manche tauchen 10 Mal und mehr auf, immer mit einem anderen Fake-Account. Aber eine Meinung zu verschiedenen Beiträgen kann ich schreiben, mit meinen Worten, meinen Gedanken und ohne dem Hass-Bataillon zu viel Aufmerksamkeit zu schenken.

Ist Smalltalk schlecht?

Sehnsucht nach guten Worten und Freundlichkeit. Ich habe gemerkt, dass ich mir das nicht alleine wünsche.
Vorgestern hatte ich vergessen, dass mein Hausarzt erst 14.30 Uhr wieder da ist, war zu zeitig und hockte mich vor die verschlossene Praxis. Zum Glück gab es dort Stühle und einen kleinen Tisch. Dann kam noch eine Frau, langsam und auf ihren Rollator gestützt. Ich lud sie ein, sich zu mir zu setzen. Sie tat es und wir unterhielten uns.
Dann wurde die Praxis geöffnet. Die andere Frau setzte sich in die Nähe des Arztzimmers, ich mich ans Licht, denn ich war mal wieder am Stricken. Plötzlich stand sie auf, kam zu mir und meinte. „Ich setze mich lieber zu Ihnen. Es war so schön, mit Ihnen zu reden.“

Oft habe ich schon gehört: „Smalltalk lehne ich ab. Es ist oberflächlich, seicht, primitiv.“ Na Hallo! Ich finde, es ist freundlich, friedlich, Wärme gebend. Und aus manch einem Gespräch, was ganz einfach beginnt, wird manchmal eine hochgeistige Diskussion, eine Fortsetzung des Austauschs, eine Freundschaft.

Sei es drum. Meine Sehnsucht nach guten Worten und Freundlichkeit bleibt und ich werde sie befriedigen, im Netz und anderswo.
Manchmal wird von Verrohung der Sprache in der heutigen Zeit gesprochen. Ja, da ist wohl etwas dran, aber man selbst muss es nicht mitmachen. Man kann seine Meinung immer mit guten Worten und trotzdem bestimmt sagen.

Ach ja, nach dem Frühling habe ich ich auch Sehnsucht. Auf sein Erscheinen habe ich allerdings keinen Einfluss. Ich muss warten.

ein kleiner Frühling
ein kleiner Frühling