Mein weißes Gold und anderes Schönes. Loblied auf Schafwolle.

mein Weißes Gold - Wolle von den Leineschafen

In den letzten Tagen sind mir zwei dramatische Ereignisse aus meinem Bekanntenkreis zu Ohren gekommen. Da haben sich Lebensumstände krass geändert und die, die es betraf kamen damit überhaupt nicht zurecht. Das eine endete „nur“ mit einem Haufen materieller Verluste, das andere aber mit dem Tod. Das lässt mich immer nicht gleich wieder los. Dann aber empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit, dass ich doch etwas härter verpackt zu sein scheine. Und ich habe ja immer noch mein weißes Gold.

Warum bloß ziehen sich Menschen eher zurück als dass sie sich öffnen, reden, sich helfen lassen? Muss jeder alles alleine schaffen? Warum gibt es so wenige Gemeinschaften, Genossenschaften, was weiß ich? Warum ist so viel Schweigen?
Ich habe viele Fragen und viel zu wenige Antworten.

Mein Anker, Pfosten, Halt

leineschafwolle - mein weißes GoldDas ist Wolle von den Leineschafen. Meine Güte war die dreckig. Ich sitze dann in einem stillen Eckchen, ziehe die Wolle auseinander und sammele alles heraus, was ich nicht in der Wolle haben will. Meine Freundin fragte neulich, ob ich denn wohl jedes Härchen umdrehe. Ja, irgendwie ist das so. Beim Hantieren mit der Wolle überkommt mich eine herrliche Ruhe. Ich kann dann über so vieles nachdenken, ohne dass ich mich aufrege.

Die Stunden, die ich für die Wolle brauche und alles, was daraus werden kann, zähle ich nicht mehr. Ich empfinde das auch nicht als Last, weil ich es gern tue und davon träumen kann, dass ich wieder bei den Schafen bin. Die Erfahrung, die ich damals mit den Tieren sammeln durfte, kann mir niemand wieder nehmen. Davon zehre ich, das inspiriert mich, das lässt mich tätig sein und gibt unglaublich viel Zufriedenheit.

„Kannst du nicht Wolle spinnen und verkaufen?“ wurde ich gefragt. Ja, könnte ich schon, aber es steckt so viel Arbeit in meiner Wolle. Ich brauche viel Zeit und mein Ansinnen ist es keineswegs, gegen industriell Gefertigtes anstinken zu wollen, weder im Tempo der Herstellung noch im Preis..
Ich kann mein weißes Gold nicht einfach so hergeben.Da bin ich völlig fehl in unserer schnelllebigen Schnäppchen-Zeit. (An Freunde zu verschenken, das ist etwas ganz anderes. Das mache ich gern.)

Wolle sollte auf keinem Fall auf dem Müll landen

Auf alle Fälle freue ich mich, dass die einst so schmutzige Wolle nicht auf den Müll gelandet ist. Da landet viel zu viel, was durchaus gebraucht und genutzt werden könnte.

Wolle besteht aus Aminosäuren. Von Chemikern habe ich mir sagen lassen, dass in nächster Zeit keine Möglichkeit besteht, solche Fasern mit genau den guten Eigenschaften künstlich herzustellen. Auch in Zukunft wird das nicht möglich sein. Wolle kann Wärme halten, kühlen, freie Radikale abfangen, mehr als 30 % des Eigengewichtes an Feuchtigkeit aufnehmen und beim Auslüften wieder abgeben.Sie ist schwer entflammbar, atmungsaktiv und schmutzabweisend. (Ich habe darüber ja schon öfter Loblieder gesungen.)
Und wir ackern Wolle unter oder werfen sie auf den Müll!

Mein weißes Gold in meiner ganz privaten Werkstatt

Ich verarbeite Wolle von Schafhaltern aus unseren Breiten. Aus jeder Wolle kann man etwas machen. Ich freue mich jetzt schon auf die Wolle der Skudden und Zackelschafe aus der Ökostation Borna. Das wird wieder eine ganz andere Verarbeitung der Wolle als bisher. Die Wolle bei beiden Schafrassen ist Mischwolle. Der Wollhaardurchmesser beim Zackelschaf zum Beispiel beträgt beim Unterhaar 16 – 3o µm um die Oberhaare 4o – 6o µm. Die Vlieslocken können bis 3o cm Länge erbringen. Die Herausforderung besteht darin, die Wollbestandteile zu trennen. Was daraus werden soll, weiß ich schon. Ich möchte es zeigen, darüber schreiben, denn es muss nicht immer Merino-Wolle sein, die man verarbeitet und die aus Massentierhaltung oder Qualzuchten schon gar nicht.

Leineschafwolle, die oft als grob ausgewiesen wird, fasst sich jedenfalls gut an. Sie ist weich und fein glänzend. Ich bin begeistert.

Spinnen, einige Meter und einige Gramm

Für ein Jacken-Model habe ich mich nun entschieden.
Dafür spinne ich gerade die passende Wolle. Proben mussten gearbeitet werden, um dann mit ganz verschiedenen Nadelstärken das gewünschte Bild zu stricken. Das habe ich schon mal und nun ist Fleißarbeit angesagt. Ich brauche schon einiges an Wolle, muss mein weißes Gold vollständig aufbrauchen. Macht nichts, die nächste Wolle wächst ja schon wieder.

Bei aller Beschäftigung ist es auch nicht schlimm, dass draußen mal keine Sonne scheint und dass es hie und da zwackt und an mir zerrt. Ich kann das aushalten.