Und dann war die alte Angst wieder da. Zeit heilt nicht alles.

Blickpunkte

Manchmal schleicht alte Angst wieder in mir hoch. Ich möchte so gern vieles ignorieren und verdrängen, aber glücklicher macht mich das bestimmt nicht. Also denke ich lieber kontrolliert, wäge ab, suche meinen Weg. Das ist viel besser, als wenn irgendetwas mit Macht einfach über mich herein bricht. Es würde mich lähmen.
Wer weniger denkt, der irrt viel, sagte Leonardo da Vinci. Mit Recht.

Was mich wieder (ja wieder) aus der Bahn warf, war ein Bericht des MDR aus der Reihe „Zeitzeugen“. „Bomben auf Borna“, hieß der Bericht und beschrieb, welches Szenario man sich in der Blütezeit des kalten Krieges ausgedacht hatte. (In der Mediathek ist er noch zu finden,)
Der Raum Borna – Meuselwitz – Altenburg, meine alte Heimat, wäre im Kalten Krieg eines der strategischen Ziele gewesen für unzählige Nuklearbomben. Dort bin ich aufgewachsen. Es wäre von der Region nichts übrig geblieben, nur heiße, verstrahlte Wüste, wenn Politiker auf die Militärs gehört hätten, die diese Pläne ausgearbeitet hatten und zu gern umgesetzt hätten.

Mir kamen die Tränen, als ich den Beitrag sah. Warum? Weil es Erinnerungen weckte an das Säbelrasseln in den Sechziger und Siebziger Jahren und an meine Angst. Ob es inzwischen friedlicher geworden ist, wage ich zu bezweifeln. Das Geschrei nach Aufstockung der Militärausgaben zeigt es doch. Warum sollte ich Redlichkeit dahinter vermuten?

ein altes Foto weckt Erinnerungen

Ich habe in meinem Fotoalbum geblättert. Es zeigt mich mit meiner Freundin in der DRK-Kluft. Diese ehrenamtliche Arbeit fand ich wichtig. Bei Sport- und anderen Veranstaltungen wurden wir eingesetzt und in den Ferien arbeiteten wir im Altenburger Krankenhaus. Für meine Druckverbände bekam ich immer viel Lob.

Dann änderten sich plötzlich die Inhalte der Ausbildung. Wir lernten

  • Schutzanzüge an- und nach einem eventuellen Einsatz wieder auszuziehen,
  • mit dem Dosimeter umzugehen und zu berechnen, ob und wie lange jemand in die verschiedenen verstrahlten Zonen gehen kann
  • Gifte zu analysieren und Einsatzgebiete zu kennzeichnen
  • Schutzräume einzurichten.

Das Schlimmste aber waren die Filme über die Verletzten in Hiroshima und Nagasaki. Das hatte gar nichts mehr mit unseren verstauchten Füßen, zerschnittenen Händen oder einer Beule am Kopf zu tun. Wir sollten lernen, die Verletzungen nach einem Atomangriff einzuschätzen und zu entscheiden, wer noch weggetragen werden kann in den Schutzraum. Und alle anderen? Ich stellte mir vor, wie sie schrieen und um Hilfe flehten und bekam das nicht mehr aus dem Kopf..

17 Jahre war ich gerade mal und in diesen Tagen packte mich die Angst. Ich glaubte nicht daran, dass so etwas gut ausgehen oder man sich schützen kann. Wenn der Fall eingetreten ist, dann ist alles zu spät. Was nützt es dann noch, dass man sein Kellerfenster mit 1 m/2 Erde zuschaufelt damit sich die Strahlenbelastung halbiert? Also darf der Fall nicht eintreten. Niemals wieder!
Ich habe das alles fast nicht ertragen und dabei ist um mich herum fast nichts passiert. In diesen Tagen, glaube ich, wurde ich viel ernster.

Angst und ernste Gedanken

Und heute?
Ich wünsche mir immer noch eine starke Friedensbewegung, ein Zusammenwirken vieler und ohne Wenn und Aber. Wir sollten uns nicht immer auseinander reden lassen.
Mehr Geld für friedliche Forschung wünsche ich mir, für Entwicklungshilfe und die Ausbildung von Diplomaten, für ein Leben, Handeln und Arbeiten miteinander, ohne Gängeleien, ohne wirtschaftliche Einschränkungen und ohne Angst. Ich wünsche mir Politiker, die sich nicht einlassen auf Säbelrasseln. Frieden wünsche ich mir.

Meine Freundin von damals suche ich schon lange und leider bisher vergebens. Sie hatte dann einen medizinischen Beruf, arbeitete da, wo Leben geboren wird.
Liebe Marlies, wenn du dich zufällig hierher verirrst und das siehst, bitte melde dich bei mir. Ich möchte dich einfach mal umarmen. Und vielleicht erlaubst du mir dann auch, das graue Herz von deinem Gesicht zu entfernen.