Nach den Wahlen: Gehöre ich noch irgendwo dazu?

Wahlen - mein Resümee

Nun sind sie also vorbei, die Wahlen zum Europaparlament und auch die für den Leipziger Stadtrat.
Ich hatte gestern meine Krücken geschnappt und habe mich auf den Weg zum Wahllokal gemacht. Nein, es soll mir jetzt keiner sagen, dass es doch auch eine Briefwahl gibt. Ich weiß das, wollte aber meine Wahlzettel selber versenken. Ich fühle mich sicherer so.

Dann habe ich mich wieder hinter meine Wolle geklemmt. Ich bin immer noch beim Waschen und muss mich beeilen. Vom Wahlgedöns wollte ich nichts mehr hören. Jetzt lag alles eh nicht mehr in meiner Macht. Ich hatte das Meinige getan, für mich waren die Wahlen vorbei. Fast.

Dann kamen die ersten Hochrechnungen und Ergebnisse.
Ich freue mich, dass die Wahlbeteiligung hoch war, dass es eine eindeutige Entscheidung für Europa gab und dass in meiner Stadt Leipzig so klar entschieden wurde. (Nein Statistiken veröffentliche ich nicht, denn es kann ja jeder lesen und ein Nachrichtenblatt bin ich nicht.) Das Ergebnis für Sachsen allerdings hatte ich befürchtet und irgendwie erwartet. Mein erster Gedanke war: Auswandern! Aber

  • Wo soll ich hin?
  • Wie werde ich aufgenommen?
  • Ist für mich nicht eh alles zu spät?

Ich versuche mich gerade aus den sogenannten sozialen Medien etwas herauszuhalten, aber manchmal stolpert man doch über Kommentare, die mich genauso betroffen machen, wie die Ergebnisse der Wahlen. „Sachsen wundert mich nicht, da wohnen doch jede Menge Dumme.“, las ich. Das ist nicht gerade hilfreich.
30 Jahre nach der Wende gibt es immer noch verdammt viele Unterschiede zu den alten Bundesländern. Facharbeiter verdienen (wie in der Pflege) genauso viel wie Hilfskräfte im Westen. Vielen brach ihr Leben unter dem Arsche weg, ohne dass sie etwas dafür konnten. Wen hat es interessiert? Es waren eben die „Abgehängten“, die die nichts gebacken bekommen, die die es nicht geschafft haben. Wenn die in die Rente gehen, sieht es nicht rosig aus für sie. (Mehr nicht dazu, es reicht.) Den etablierten Parteien ist es nicht gelungen, diese Menschen zu erreichen, sie mitzunehmen.

Ich sehe jetzt schon wieder Zeigefinger nach oben gehen. „Das ist doch aber alles kein Grund ….“ „Die haben nichts gelernt.“ … Nein, es ist kein Grund, aber leider ein Auslöser.

Öfter höre ich jetzt auch immer mal, dass man mit den „Alten“ hadert und ich merke auch, dass ich immer weniger Anschluss finden kann an die Jungen. Die Alten! Hehe, ja ich bin auch alt, aber ich bin für Digitalisierung, für Netzneutralität, gegen Überwachung, ja auch für Autorenschutz. „Die Alten“ – wenn ich das höre und auch noch sehe, wie es in der Statistik genüsslich breit getreten wird, dann frage ich mich wiedermal: Gehöre ich noch irgendwo dazu oder bin ich nur ein Kreuzelmacher? Und sucht man nicht doch einen neuen Anlass, um zu teilen? Man weiß ja: Teilen und Herrschen – ein altes Erfolgsrezept. Und ich dachte, dass das irgendwann mal aufhört.

Nein, mir geht es heute nicht besonders gut. Ich muss mich erst wieder sortieren, wenn ich nicht aufgeben will. Ich hoffe, dass es mir auch gelingt.
Heute fühle ich mich so. (Achtung, der Link führt zu YouT.)

Zu sagen gäbe es noch viel, aber ich gehe jetzt lieber wieder Wolle waschen.

 mein Leipzig