Einen Wollvorrat spinnen. Nicht „Spinning Jenny“, aber spinning Gudrun.

Wollvorrat für ein Projekt spinnen

Zwei Pullover habe ich mir herausgesucht. Die will ich stricken und bin gerade dabei, für die (m)einen Wollvorrat zu spinnen. Im Moment ist es sehr angenehm draußen und so habe ich mein Spinnrad auf den Balkon geschleppt. Fragt nicht! Meine Methode sah bestimmt doof aus, aber egal. Das Spinnrad steht, ich habe es geschafft. Am besten geht es, wenn ich mir das zu transportierende über die Schulter hängen kann, aber das geht in dem Falle mal nicht. So, aber nun genug „gejault“. Darüber will ich gar nicht schreiben.

Wolle für genau die Anleitung spinnen
Die Wolle zur Anleitung

Mein Hausarzt hatte in seiner Kindheit Schafe zu Hause. „Nee, Schafwolle will ich nicht, die kratzt.“ Das hatte er mir öfter gesagt und deshalb habe ich gestern das Musterstück im Wartezimmer gestrickt. Ich ließ es mir natürlich nicht nehmen, ihn dann die Wolle fühlen zu lassen. „Die kratzt nicht“, sagte er, „die ist schön weich“.

Wolle muss auch nicht kratzen. Es kommt immer darauf an, wie viel Mühe man sich damit macht und wie gut man sein Ausgangsmaterial kennt. Nimmt man die Wolle mancher Schafrassen und spinnt einfach darauf los, hat man das Gefühl Stacheldraht hergestellt zu haben. Kämmt man aber vor dem Spinnen Deckhaare und Grannen heraus, bekommt man eine kuschelweiche Unterwolle, die jedem Fuß schmeichelt.

Mühe mache ich mir immer viel. Da wird gezupft und geschüttelt, Einstreu entfernt, vorsichtig gewaschen, kardiert, manchmal gekämmt, ein Vorgarn gezogen, gesponnen, verzwirnt … Und während ich über die Abläufe nachdachte, fiel mir ein, dass ich all die Prozesse schon einmal gesehen hatte. Eine Klassenkameradin war Spinnerin in einer Weberei in Meuselwitz, also in meiner Heimat. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich durfte das Werk mal besuchen und traf sie im Spinnsaal wieder. Sie flitzte zwischen zwei langen Spinnwerken auf der einen Seite hin und auf der anderen Seite zurück. Riss der Faden, legte sie ihn neu an, kontrollierte Luftfeuchtigkeit und Temperatur, Fadenspannung und was weiß ich noch alles. Begleitet wurde alles von einem ohrenbetäubenden Lärm. Heiß war es und es war im wahrsten Sinne des Wortes dicke Luft.

All das, was ich beim Spinnen in aller Ruhe und Gemächlichkeit mit meiner Wolle mache, lief dort auch ab, allerdings in großen Dimensionen und maschinell. Meine Arbeitsweise habe ich mir durch Probieren erarbeitet und zehre jetzt von der Erfahrung. Es währe gut gewesen, wenn ich mir den industriellen Prozess noch einmal angeschaut hätte und ihn dann für mich aufgedröselt und passend gemacht hätte. In diese Richtung habe ich aber nie gedacht.

die mit Essigbaumblättern gefärbte Weolle für den zweiten Pullover
die mit Essigbaumblättern gefärbte Weolle für den zweiten Pullover

Kaum zu glauben, dass einst alle so dagesessen haben wie ich jetzt, um einen Faden zu spinnen. 1767 erfand der Weber James Hargreaves seine „Spinning Jenny“. Bis dahin war es so, dass acht Spinnerinnen nötig waren, um einen Weber zu beliefern. Der musste sich auch noch die Wolle zusammen holen. Der Bedarf an Tuchen aber stieg und so kam es, dass die erste Spinnmaschine entwickelt wurde. Das war der Anfang der industriellen Revolution in England. Die Handspinner verloren ihre Arbeit und zerstörten in ihrer Wut die Spinnmaschine. Aufzuhalten war der Prozess natürlich nicht.

Die erste Spinnmaschine wurde noch von Hand angetrieben. Später übernahm das die Wasserkraft und die Dampfmaschine. Fabriken entstanden und die Lohnarbeit. Also einerseits verschwand etwas und andererseits entstand Neues. Wie gut das Neue wird hängt sicherlich davon ab, welche Einflüsse genommen werden können auf die Prozesse und ihre Auswirkungen. Ein interessantes Thema, finde ich, besonders wenn es jetzt um künstliche Intelligenz und die Folgen geht.

Über die Spinning Jenny und seinen Erfinder schreibe ich andermal mehr. Meine Freundin hat mir versprochen, mit mir nach Chemnitz und Crimmitschau in die Textilmuseen zu fahren. Und während ich die Prozesse bei meiner Wollverarbeitung „rückwärts“ gestalte, schaue ich mir dort an, wie es sich entwickelte.
Ich möchte zu gern wissen, wie es meiner Klassenkameradin geht. Martina hieß sie. Und jetzt werde ich draußen weiter spinnen, in Ruhe.