Die Unterschätzten und die deutsch-deutsche Wohngemeinschaft

die Unterschätzten

„Die Unterschätzten“. Ich weiß nicht, ob mir der Titel gefällt.
Eigentlich schreibe ich kaum etwas darüber, was ich lese. Aber über dieses Buch möchte ich dann doch etwas sagen.

Die Leute in den neuen Ländern haben sich damals mit voller Absicht und friedlich die Grundrechte der Demokratie erkämpft, die freie Meinungsäußerung, freie Wahlen, Runde Tische. Das hat es so in der Geschichte Deutschlands noch nie gegeben. Diese Leistung wird im medialen Diskurs unterschätzt. Würde sie so anerkannt, wie ich das im Ausland erlebt hatte, wäre die Debatte heute viel weiter bzw. könnte anders geführt werden. Man muss stolz sein können, auf das, was man gemacht hat.

Cerstin Gammelin, Econ, Berlin 2021, ISBN 978-3-430-21061-4. S.197

Einige Tage hatte ich jetzt, an denen ich mir eine Pause gegönnt habe vom hektischen Alltag. Es war schön, die Tochter und den Schwiegersohn aus dem Norden zu Besuch zu haben. Kein Fernsehen, kaum Nachrichten, kein Gelabere von Politikern. Ruhe. Es hat gut getan, auch zu sehen, wie die beiden miteinander umgingen, die Tochter aus dem Osten und der Schwiegersohn aus dem Westen. Letzterer hatte viele Fragen. Ich fand das gut und irgenwie spielte Ost und West keine Rolle.

Am nächsten Wochenende werde ich zur Wahl gehen. Ich hoffe ja immer, dass sich einiges zum Guten ändern wird. Aber zu sehr wird jetzt schon im Vorfeld geschachert um Pfründe und Posten. Da knickt so manches weg und so mancher wieder ein. Jetzt schon.

Ich habe das Buch gelesen „Die Unterschätzten“ von Cerstin Gammelin. Die Autorin wuchs in Sachsen auf, arbeitete später für die Zeit und danach für die Süddeutsche Zeitung. 

„Cerstin Gammelin, selbst ost-sozialisiert, versammelt Geschichte(n) und Analysen zu einer Neubewertung. Denn es ist höchste Zeit, den notorisch Unterschätzten eine Stimme zu geben“, heißt es in der Buch-Beschreibung.

Ich habe mich in dem Buch wieder gefunden und manchmal war das Lesen schmerzlich. Vieles hatte ich verdrängt, um mich selber zu schützen und einiges zu ertragen. Das spülte es jetzt wieder hoch und manche Träne gleich mit.
Das Buch hat mir aber auch die Kraft gegeben, nicht alles, was in meinem Leben passierte, als Persönliches oder Niederlage einzuschätzen. Ich hatte damals keinen oder wenig Einfluss darauf, was mit mir passiert. Nur eines wird mir immer klarer: Ich habe keinen Grund, den Kopf einzuziehen, mich schlecht zu fühlen, mich bedingungslos unterzuordnen, nie zu widersprechen. Das Abitur, mein abgeschlossenes Hochschulstudium, meine drei Kinder, die zu großartigen Menschen herangewachsen sind, Tätigkeiten – das lasse ich mir nicht mehr klein reden, denn darauf kann ich stolz sein. 

„Das Buch von Cerstin Gammelin ist eines, das versucht, Geschichten zu erzählen, die sonst selten erzählt werden, das einen neuen Einblick in die fünf ostdeutschen Bundesländer geben soll und versucht, Brücken zu bauen. Und es ist nicht nur Nachwende-Geborenen zu empfehlen, sondern vielleicht auch gerade denjenigen, die im Westen geboren sind, als es die DDR noch gab, die auch den Mauerfall bewusst miterlebt haben.“ 

Buchbeschreibung bei Thalia

Ja, „Die Unterschätzten“ sollten viele lesen, abgesehen davon, dass einiges darin steht, was man so nicht gleich findet, was man nicht weiß von allen damals festgelegten Verträgen und auch noch heutigen Auswirkungen. Wir verstehen uns besser, wenn wir mehr von einander wissen. Ganz bestimmt. Dabei rede ich nicht von denen, die gutes Wissen hatten und haben, alles aber für gut halten wie es ist und alles so belassen wollen.
Wusstet ihr, dass die alten Bundesländer immer so viele Stimmen zusammen haben, um alle Beschlüsse durchzusetzen? Die Neuen können nicht mal ein Veto einlegen. Dafür reicht es nicht und so ist es im Einigungsvertrag festgeschrieben. 

Für einen Moment hatte ich daran gedacht, eine neue Rubrik einzuführen hier im Blog. Zu Beginn sollte ein Zitat stehen aus dem Buch und dann wollte ich meine persönlichen Erlebnisse dazu schreiben, beispielsweise über meinen ersten Besuch bei der Verwandschaft im Westen Deutschlands  oder von dem Personalchef, der mir empfahl, mich doch lieber „ordentlich“ um meine drei Kinder zu kümmern, statt arbeiten zu wollen.
Ich glaube ich tue das nicht. Es macht verletzlich, angreifbar und festgefahrene, klischeebehaftete Standpunkte ändert es nicht.

Am Sonntag werde ich mich nun also in meinem Wahllokal einfinden. Klar doch, schließlich waren freie Wahlen damals ganz oben auf der Agenda. Ich käme nicht auf die Idee, nicht wählen zu gehen. Mein Kreuzchen werde ich aber mit Bedacht machen und ganz bestimmt kein „kleineres Übel“ wählen. 
Nein, mir geht es nicht nur um den Osten. Ich möchte, dass sich für das ganze Land etwas ändert. Für Europa auch, eigentlich für die ganze Welt, denn mir geht es auch um den Klimaschutz und soziale Verantwortung. Und das immer auf Augenhöhe.