Wenn sich das gewohnte Leben plötzlich ändert. (in eigener Sache)

Das wird nur ein kleiner Zwischenbeitrag. Für mich, um mich zu sammeln und für andere, damit sie mich verstehen. Krankengeschichten sind nicht so mein Ding. Manchmal ändert sich aber das gewohnte Leben stark und man will damit klar kommen oder aber auch eben nicht. Dann würde man aufgeben und hat verloren.

Licht

Dass ich diese Erkrankung habe, weiß ich schon sehr lange. Damals, vor vielen Jahren, hat man mir in der Uniklinik gesagt, dass ich Glück hatte. Bitte was? Glück? Ja, denn im Wartezimmer saßen junge Menschen, noch keine 20 Jahre alt, im Rollstuhl. Für die hatte sich das gewohnte Leben eher geändert. Die Krankheit hatte schnell und heftig zugeschlagen.

Lange konnte ich das gewohnte Leben genießen. Gewohnt? Was ist das eigentlich. Man sollte sich das öfter mal fragen, weil einem dann viel besser klar wird, was man hat und was man will.
Ich war als Jugendliche tanzen bis zum Abwinken, habe mein Studium gemacht, war danach immer voll berufstätig bis nach der Wende, habe neben dem Beruf meinen Vater gepflegt und drei Kinder großgezogen. Stille sitzen konnte ich allerdings nie gut.

Dann gingen die elenden Entzündungen nicht mehr weg. Sie schienen keine Pause zu machen. Das war verbunden mit dauernden mehr oder minder heftigen Schmerzen und Bewegungseinschränkungen.
Ich war viel mit dem Fahrrad unterwegs, aber eines Tages stürzte ich. ‚Hach, du Trine, was hast du dich wieder ungeschickt angestellt‘, dachte ich noch. Das passierte noch drei Mal und ich merkte, dass es keine Unaufmerksamkeit war. Das Fahhrad blieb von da an im Keller.

Macht ja nichts. Nehme ich die Öffis. Und laufen kann ich ja auch.
Das ging auch lange gut. Bis ich Blumengießdienst im Gastgarten hatte und plötzlich nicht mehr weiter kam.

Und jetzt?
Jetzt brauche ich manchmal Hilfe. Ich kann mich noch nicht daran gewöhnen, um genau diese Hilfe zu bitten, komme mir dann vor wie Grafin Cosel, die Bedienstete herum scheucht. Bedienen habe ich mich nie lassen.
Ich bin an manchen Tagen wütend, weine auch, fühle mich ohnmächtig. Manche Menschen ziehen sich zurück, weil ich nicht ihren Anforderungen entspreche, aber auch ich habe mich zurückgezogen. Ich fühle mich oft nutzlos.

Ich wollte immer auf eine Hallig ziehen, weil ich an einem Punkt angekommen war, wo ich durchaus alleine sein könnte mit der Nordsee. Die fand ich nicht halb so feindlich wie manche Menschen. Nein, auf einer Hallig kann ich nicht leben. Das schaffe ich nicht mehr. Umziehen werde ich nun dennoch. Die neue Wohnung wird meine Hallig und vielleicht finde ich wieder ganz zurück in das gewohnte Leben, mein Leben. Aufgeben möchte ich nicht. Dafür lebe ich zu gerne.
(Und jetzt arbeite ich an anderen Beiträgen. So!)

das gewohnte Leben leben
Ich mag das Licht und das ist auch gut so.

18 Gedanken zu „Wenn sich das gewohnte Leben plötzlich ändert. (in eigener Sache)“

  1. Liebe Gudrun, ich habe eben auch Deinen Beitrag zuvor gelesen und mich sehr darüber gefreut, dass Dich Deine Wohnungsgenossenschaft sehr unterstützt und Dir eine Wohnung angeboten hat, die Dein Leben doch um einiges leichter machen wird. Ich drücke Dir für den Umzug die Daumen, denn damit wird ja doch noch so allerlei Arbeit und Aufwand verbunden sein. Aber ich bin sicher, Du wirst Hilfe finden.
    Alles Liebe für Dich wünscht die Silberdistel

    1. Oh, vor dem Umzug graut mir sehr, aber irgendwann ist es überstanden. In der Wohnung kann ich dann in Ruhe alt werden. Ich muss mich nur an alles Neue gewöhnen und das fällt mir komischerweise immer schwerer.
      Weißt du über was ich mich am meisten freue, liebe Silberdistel? In die Sträucher vor dem Fenster kann ich Vogelfutter hängen und mich mit der Kamera auf die Lauer legen.
      Liebe Grüße zu dir.

      1. Na, das ist doch ein Ansporn, liebe Gudrun , wenn Du die Federbälle so ganz aus der Nähe beobachten und fotografieren kannst. Mir macht so etwas ja auch immer ungeheuer viel Freude. Was anderes bräuchte ich gar nicht, um glücklich zu sein.
        Ja, so ein Umzug ist nie leicht. Ich habe diesen Akt auch mehrmals hinter mir. Aber wenn dann alles überstanden ist, dann freut man sich am Ende doch. Sicher wird es für Dich doch schwerer werden als für jemanden, der völlig ohne gesundheitliche Probleme ist. Aber Du packst das schon, liebe Gudrun, und wie ich hier immer wieder bei Dir lese, hast Du auch Unterstützung, wenn Du sie brauchst. Das wird schon!
        Liebe Grüße von der Silberdistel

  2. Liebe Gudrun. Es macht mich traurig, deine Geschichte zu lesen. Und doch bist du voller Zuversicht, Hoffnung. Freue dich auf die neue Wohnung! Ich hoffe, dass du viele helfende Hände bekommst und alles entspannt angehen kannst.
    Man muss sich ganz sicher dran gewöhnen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch wie vielen Menschen geht es so und keiner kann sagen, dass ihn so was nicht treffen wird.
    Ich wünsche dir alles Gute und Vorfreude!
    Liebe Grüße von Kerstin.

    1. Jetzt wieder habe ich Zuversicht und Hoffnung. Ich gebe zu, auch zwischendurch mal ganz krude Gedanken gehabt zu haben. Ich freue mich jetzt darauf, wenn meine Möbel in der neuen Wohnung stehen. Dann wird es bestimmt auch ganz schnell wieder mein Zuhause. In meiner jetzigen Wohnung habe ich gerne gewohnt, aber manches hier ist hinderlich geworden.
      Die Mieze zieht natürlich mit um. Sie ahnt nur noch nichts. Beneidenswert.
      Herzliche Grüße in die Aue.

  3. Ich lese solche Beiträge ja am liebsten, weil es was persönliches ist, weil es was von Dir zeigt. Für uns hat sich ja auch relativ schlagartige einiges geändert, wenn auch nicht so dramatisch und mit dem Unterschied, das wir per se zu zweit sind. Trotzdem mussten auch wir uns umstellen auf die neue Situation, Martin ja so ein bisschen von jetzt auf gleich nicht mehr arbeitsfähig. Das ist nicht immer einfach und auch mit manchem Durchhänger verbunden. Ziele müssen neu definiert werden, Pläne begraben. Das ist dann auch mit Anflügen von depressiven Phasen verbunden, zum Glück nicht andauernd. Martin bekommt gerade viel Aufwind in der Reha und ich bin froh, dass er dort ist. Für Dich freue ich mich, dass es mit der Wohnung klappt. Und um Hilfe bitten darf man immer, es ist an den anderen, zu sagen, wenn es zuviel ist. Und irgendwann brauchen wir alle Hilfe, wobei auch immer.

    1. Ach, ich schreibe nicht gerne über Krankheiten. Es gibt so viel mehr Schöneres und ich möchte wieder dazu finden, wieder zeichnen und mit der Nadel filzen und meine Bücher fertig schreiben. Eine Selbständigkeit steht nicht mehr im Raum, aber ich selber möchte noch etwas leisten, ganz alleine für mich. Und deshalb findet der Schreibtisch wieder seinen Platz. Es wird so gestellt werden, dass ich auch mit einem Rollstuhl dran sitzen kann, wenn es nötig wird. Schon alleine der Beschluss tut mir gut.
      Ach, wenn der Umzug nur schon vorbei wäre!

      1. Ja, das verstehe ich, aber es ist ein Teil von Dir und es gibt eben nicht nur Schönes, über das es sich zu schreiben lohnt. Und manchmal hilft es ja auch, das nicht so schöne zu teilen, vielleicht etwas Trost und Unterstützung zu bekommen oder es einfach mal loszuwerden. Oder auch anderen Mut zu machen, etwas ein bisschen gemeinsam durchzustehen, auch wenn man weit auseinander wohnt.

        1. Entfernung ist da wirklich keine Hürde. Das habe ich erfahren können. Und einige, die weiter nicht wohnen können, bezeichne ich inzwischen mit Fug und Recht als meine Freunde.
          Ach, Frau Momo, es ändert sich gerade viel und ich muss oder besser gesagt ich will damit fertig werden. Ich glaube, dann sieht vieles wieder anders aus.

  4. Schicksalsschläge beinhalten immer auch eine Chance. Ich stelle mir das herrlich vor wie du mit der Kamera auf Vogellauer liegst. Da wird deine Penny aber gucken 🙂

    1. Oh ja, die wird ihre helle Freude haben an dem, was draußen abläuft. Es gibt breite Fensterbänke. Da kann man als Katze schon seinen Tag verbringen. (Ich überlege mir gerade, ob ich einen Nussbaum züchte und heimlich draußen … Pst.)
      Und mit den Schicksalsschlägen hast du Recht. Ich habe zu kämpfen gelernt.

  5. Es ist leicht Hilfe anzubieten, wenn man nicht in der selben Stadt wohnt, darum kann ich dir nur anbieten, mich jederzeit anzurufen, wenn du dir die Seele freireden möchtest. Auch glaube ich nicht, dass sich Menschen zurückziehen, weil du deren Ansprüchen nicht mehr gerecht wirst. Die meisten Menschen, die sich aus deinem Leben schleichen, sind wahrscheinlich nur hilflos, wissen nicht, wie sie dir begegnen sollen. Vielleicht ist auch einer oder sind zwei darunter, die dich tatsächlich abwerten. Aber auf die kannst du wahrlich verzichten, auch wenn es im ersten Moment schmerzt.
    Liebe Grüße schickt Elvira

    1. Ich wollte dich schon lange mal anrufen, hatte aber Angst, dass ich dir nur die Ohren voll jammere. Das, was passierte, beschäftigte mich halt sehr.
      Jetzt freue ich mich auf die neue Wohnung, auf viel Platz zum Arbeiten und vielleicht wage ich mich nun auch an neue Hilfsmittel heran, um wieder mobiler zu werden.

  6. Mir geht es wie Frau Momo, ich mag deine persönlichen Beiträge sehr und es ist nun mal so, dass die Krankheit in diesem Leben ist und wohl auch nicht daraus verschwinden wird. Also warum nicht darüber schreiben, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es anderen, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind, davon zu lesen, wie du damit umgehst. Nur über das Schöne schreiben … das nicht so Schöne, Hässliche und Nervende, gehört dazu. Eines gibt es nicht ohne das andere.

    1. Ich weiß und ich schreibe auch darüber, auch was mich bewegt und was in Sachsen, um mich herum, und anderswo passiert. Nur über mich und meine Erkrankung schreibe ich nicht gern. Vielleicht, weil es mich noch mehr ausgrenzt in unserer Leistungsgesellschaft und weil ich noch lange nicht fertig bin damit. Ich bin so verletzlich geworden und kann mich manchmal selber nicht leiden dafür.

      1. Ich glaube hier unserer Bloggergemeinschaft grenzt Dich niemand aus. Ich habe hier noch keine Menschen ausgemacht, die sich und oder andere nur über Leistung definieren, bzw. die Form von Leistung, die viele meinen, das man sie erbringen müßte. Jede (r) leistet doch auf seine Art was, es wird halt nicht immer bezahlt und leider nicht alles gesellschaftlich anerkannt, aber dann muss man sich die Gesellschaft suchen, die das tut und ich glaube, dafür ist Bloggershausen nicht der schlechteste Ort. Und da wir mit unseren Blogs nicht so prominent unterwegs sind, ist es ja auch eine fast geschützte Gemeinschaft, in der man sich kennt und achtet. Manchmal findet auch man auch mehr Gleichgesinnte, als man denkt, wenn man sich öffnet. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.

  7. Liebe Gudrun, Hilfe annehmen muss man glaube ich auch lernen. Mir geht das auch so. Meine oft ich schaffe das doch. Und dann kommt manchmal der Punkt, jetzt geht es nicht mehr.
    Und das du darüber schreiben kannst, Krankheit, Sorgen, deine Projekte, etc. finde ich toll. Ich könnte das nicht.
    LG Marion

  8. Schreiben hilft, sehr sogar… Aber ich kann auch gut verstehen, dass du auf deinem Blog nicht gerne über deine Krankheit schreibst, mir geht es genauso.
    Das mit dem um Hilfe bitten ist verdammt schwer, ich weiß das aus eigener Erfahrung. Aber man gewöhnt sich daran. Anfangs habe ich noch etwas brüsk abgelehnt, wenn jemand meinen „Hackenporsche“ über die zwei Stufen im Eingangsbereich des Hauses hieven oder mich stützen wollte. Aber nun macht mir das eigentlich eher Freude, weil ich erkennen kann, wie sehr sich die Mitmenschen freuen, dass sie jemandem, den sie irgendwie mögen, etwas behilflich sein können.
    Ich könnte mich übrigens mit dem großen Koffer bzw. dem „Hackenporsche“ zu dir begeben, und dir ein klein wenig beim Umzug helfen.
    Sei lieb gegrüßt!

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