Spinnen und sinnieren, z.B. über den Neoliberalismus.

Ich war mal wieder am Spinnrad. Lange genug hat es gedauert. Mein Projekt „Farbe zur Kleidung“ wächst. Die Wolle war im Entspannungsbad und trocknet gerade. Ist sie trocken, wird sie verstrickt.

Farbe zur Kleidung

Endlich habe ich wieder gesponnen. Ach, wie gut das getan hat. Man kann so herrlich schön vor sich hin tüdeln, spinnen und sinnieren, kann Gedanken ordnen und manchmal auch Lösungen finden. Über mein Leben habe ich nachgedacht, über Dinge, die mir ständig sauer aufstoßen, über Neoliberalismus als Ideologie und politisches Modell.
Schwere Kost, aber mir geht es seitdem besser.

spinnen und sinnieren, über Neoliberalismus z.B.

Hier sieht man schon, was meine Lieblingsfarben sind. Immer wieder, oder fast immer wieder, komme ich bei ihnen heraus. Irgendwann hatte ich mir in den Kopf gesetzt, farblich passende Wolle zu spinnen. Mein Sockenprojekt will ich fertig stellen und mal schaun, was sich noch so bewerkstelligen lässt. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ich spinnen kann und dass ich viel Wolle für meine Projekte habe. Demnächst werde ich auch wieder Färben.

Beim Spinnen habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Mich plagt immer die Frage, wo ich mich als kleines Lichtlein einbringen kann und womit?
Und da war mir etwas aufgefallen.

Eigentlich bin ich von Hause aus Ökonom. Das Studium damals habe ich sehr ernst genommen und gelesen, was mir an Theorien so über den Weg lief. Der Neoliberalismus und Ludwig von Mises und Friedrich Hayek, die die Ideologie schließlich definierten, waren mir bekannt. Und doch kam der Moment, an dem ich vieles fast vergessen hatte. Die Ökonomie trat in den Hintergrund. Ich wollte kleinen Kindern Lesen und Schreiben lehren, machte das dann auch über Hintertüren, weil ich ja „nur“ eine pädagogische Ausbildung für Erwachsene hatte.

Und nach der Wende?
Da änderte sich viel für mich, verdammt viel. Zeitweise saß ich wie das Karnickel vor der Schlange. Dem Karnickel hilft es aber auch nicht, wenn es still sitzen bleibt. Eine ganze Menge habe ich probiert, aber so richtige, dauerhafte Lösungen fand ich nicht. Ich begann mich als Verlierer zu fühlen und das war genau das, was von Mises und Hayek predigten: Es ist der Markt, der sicherstellt, dass jeder Mensch das bekommt, was er verdient. Wir glauben daran, plappern das eifrig nach, dass die „Armen“ selbst für ihr Scheitern verantwortlich sind. Es sind halt die „Abgehängten“, die die es nicht geschafft haben, die Versager und Verlierer.

Und nun?
Ich lese wieder, bemühe Bibliotheken und überlege mir, wo ich das Wissen, was ich wieder aktiviert habe, einbringen kann. So ganz schlüssig bin ich mir da noch nicht, aber auf alle Fälle werde ich meinen Mund nicht halten. Es reicht eben nicht, z.B. über die Tafeln etwas zu verteilen. Und es reicht auch nicht, Mehl und Brot in Kriesengebiete zu bringen. Das ist sicherlich wichtig, ändert aber nichts grundlegend. Im Moment sollten wir aber ganz genau darauf achten, dass sich das soziale Gefüge nicht weiter verschiebt und dass Solidarität irgendwann nur noch ein Fremdwort ist. Wir haben immer eine Wahl.

Meine Güte!
Und das geht mir am Spinnrad durch den Kopf? Hoffentlich kommt keiner auf die Idee, dass das Spinnen nur aufmüpfige Gedanken fördert. Das wäre gar nicht gut.
Mit dem Neoliberalismus bin ich noch nicht fertig, aber bestimmte Sachen in der Gegenwart lassen sich gut erklären, egal wie sie verpackt und verkauft werden. Vielleicht schreibe ich mal wieder davon und nein, ich bin nicht nur eine „Häkeloma“.

6 Gedanken zu „Spinnen und sinnieren, z.B. über den Neoliberalismus.“

    1. Ach Karin, mit dir würde ich so gerne mal richtig schwatzen. Da gibt es so vieles, worüber ich mich mit dir austauschen wöllte.
      Die Farben versuche ich jetzt selbst zu färben. Alaun, Krapp und andere Kräuter hab ich schon da.

  1. Die Farben sind sowas von schön. Ich liebe ja auch orange-rot in allen Variationen.
    Ich kann Deine Gedanken teilweise nachvollziehen. Für mich gab es ja auch nicht so rosige Zeiten, als ich sehr krank war, nicht arbeiten konnte, nichts „leisten“ konnte. Irgendwann habe ich dann die Kurve gekriegt und dann ging es in kleinen Schritten dorthin, wo ich heute stehe. Ich habe keine große Karriere gemacht, aber ich bin zufrieden mit dem Erreichten, zumal es mir auch wichtiger ist, was halbwegs sinnvolles zu tun und nicht nur auf meinen Kontoauszug zu gucken. Bei der Arge hat man mir damals gesagt, ich sei nicht mehr vermittelbar…. Da bin ich halt selber los marschiert. Es war aber auch ein bisschen Glück dabei und ich hatte Menschen, die mich unterstützt und begleitet haben. An sowas wie jeder bekommt, was er verdient, glaube ich eh nicht. Das stimmt schon deshalb nicht, weil nicht alle die gleichen Ausgangsvoraussetzungen haben. Und nicht jeder hat vielleicht immer die Kraft und die Möglichkeiten, aus Situationen rauszukommen, Veränderungen zu gestalten.

    1. Die Kurve kriegen – in eine bestimmte Richtung möchte ich das nicht mehr. Ein Gemüsegarten, ein Hühnerstall und Wolle sind schon viel von dem, was ich haben will.
      Ich bin immer alleine losgezogen. Das Amt vermittelt wenig, verwaltet viel. Einige Male habe ich ganz von vorne angefangen. Irgendwann war ich zu alt für den Arbeitsmarkt. Dabei regelt „der Markt“ gar nichts. Alles ist menschengemacht.
      Ach, Frau Momo, mit bestimmten Dingen kann ich mich einfach nicht abfinden.

      1. Die Kurve habe ich vor allem für mich gekriegt… der Rest ergab sich dann. Das Amt hat mir dabei gar nicht geholfen. Aber ich sollte ihnen unterschreiben, dass sie mich vermittelt hätten. Habe ich nicht, denn die haben keinen Finger krumm gemacht. Für die war ich krank und nicht vermittelbar. Getragen haben mich andere und das war mein Glück.

  2. Deine Farben sind einfach wunderbar, liebe Gudrun.
    Ich denke es ist wichtig und wirksam, wenn Jede und Jeder sich nach seinen Begabungen und Möglichkeiten einbringt und ich bin überzeugt dass Jeder etwas Sinnvolles zum Wohl unserer Gesellschaft tun kann. Keiner kann alleine die Welt retten, aber viele Mosaiksteinchen ergeben ein Bild.

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