Mein Lieblingsbaum im Innenhof hat seine Blätter verloren. Es gab keine Herbststürme und Regen blieb auch aus. Lange Zeit konnte der Baum seine Farbenpracht zeigen. Nun aber hat er es geschafft und kann in die wohlverdiente Winterruhe gehen.


Zu jeder Jahreszeit sieht mein Lieblingsbaum schön aus. Im Frühling begeistert er mit seinen hellgrünen frischen Blättern, etwas später mit den kerzenartigen Blüten. Im Sommer kann man den Kastanien beim Wachsen zusehen und im Herbst sammele ich mir welche. Jetzt beginnt halt die Winterruhe. Er zieht sich zurück, bereitet sich vor der Kälte und der Dunkelheit zu trotzen. Und ich freue ich mich darauf, wenn ihn Raureif oder Schnee bedeckt.
Wie ein guter Bekannter ist der Baum und deshalb begrüße ich ihn jeden Morgen, wenn ich das Zimmer betrete. Sorgen um ihn mache ich mir aber auch. Seit fünf Jahren leidet hier alles unter Hitze und Trockenheit. Ein Baum im Innenhof leidet besonders. Er hat schon eine lichte Krone bekommen und wirft Äste ab. Ich weiß nicht, ob und wie ich meinem Baum mal Wasser bringen kann.
Vor Tagen fand ich ein Gedicht von Rose Oberländer. Es hat mich sehr berührt, weil ich mich damit identifizieren konnte. Und deshalb schreibe ich es jetzt hier auf, für mich, meinen Baum und überhaupt.
Manchmal spricht ein Baum
durch das Fenster mir Mut zu
Manchmal leuchtet ein Buch
als Stern auf meinem Himmel
manchmal ein Mensch,
den ich nicht kenne,
der meine Worte erkennt
– Rose Oberländer –