Man sollte auch mal einen Schwank aus der Jugend erzählen

Gestern auf meinem Ausflug kamen Erinnerungen hoch. Ich war an einem Ort, an dem ich die vier schönsten Jahre meines Lebens verlebt hatte.

Windischleuba

Schwank aus der Jugend? Meine Freundin musste sich gestern eine Tirade an „Schwänken“ anhören.
Sie ist bekennender Burgen-, Köster- und Schlösser-Fan. Von solchen Gemäuern gibt es hier in Mitteldeutschland viele. Ich möchte nicht überall hin, aber gestern, da reizte es mich schon sehr. Meine Freundin holte mich ab zu einem Ausflug an einen Ort, den ich immer in guter Erinnerung behalten habe.

Das Schloss Windischleuba
Das Schloss Windischleuba – hier habe ich während der Abiturzeit vier Jahre gewohnt.

Das ist das Schloss Windischleuba bei Altenburg. Das Schloss liegt in einer Senke, so dass es von der Ferne fast nicht zu sehen ist. Nur der Turm ragt etwas über die Häuser des Dorfes. Wir hatten das Auto etwas weiter abgestellt. Auf dem Weg zum Schloss kam ich mir vor wie damals, als ich täglich den Weg von der Schule nach Hause ging, ins Schloss.
Schon auf dem Weg zum Schloss musste sich meine Freundin so manchen Schwank aus der Jugend anhören. Für mich waren das alles schöne Erinnerung und es ist gut, wenn man sich daran öfter erinnern kann. Unangenehmes haftet manchmal so am Bein wie die Kugel am Gefangenem. Da können gute Erinnerungen die Ketten gut lockern.

In dem Haus rechts, hinter den beiden dicht nebeneinanderliegenden und rotbraun ummalten Fensten habe ich geschlafen.

Lernzimmer
Das heimliche Lernzimmer, ein Ort voller Mystik und Geheimnisse.

Da oben, neben dem Türmchen, war eine kleine, feine Ecke hinter einem Raumteiler. Dort habe ich unheimlich gerne gelernt, alleine und in aller Ruhe, an einem wundervoll geschnitztem Tisch, neben feiner Holztäfelung. Wenn man mich erwischte, musste ich in den Arbeitsraum zurück. Ich bin trotzdem immer mal wieder entwischt.

Viel Glück hatte ich, was meine eigene Bildung anbelangte. Hier im Schloss wohnen zu dürfen, in Ruhe und ohne Sorgen mein Abi machen und danach studieren zu können, als Tochter eines Polizisten und einer Verkäuferin, das war damals möglich. Und dafür bin ich sehr dankbar.
Das Internatsleben war gut. Ich war gern in Gemeinschaft, hatte meine Freunde. Überhaupt waren wir eine ganz gut eingespielte und verschworene Gemeinschaft. Das miteinander Auskommen, aber auch das für einander Dasein habe ich hier gelernt.

Da oben auf dem Turm hat unser Physiklehrer ein Teleskop aufgestellt und es gab dann Astronomieunterricht der besonderen Art.

Der Gang zum Pulverturm bei Gewitter bleibt auch fest in meiner Erinnerung.

Einen kleinen Schwank aus der Jugend will ich schon mal hier erzählen.
Zwischen den beiden vorderen Türmchen befindet sich ein Gang, der das Haupthaus mit einem ehemaligen Pulverturm verbindet. Da waren nur Holzbohlen über dem Wallgraben.
Eines Abend verfinsterte sich der Himmel. Es wurde schlagartig dunkel und es begann ein Gewitter vom Feinsten. Blitze liefen im Hof an der alten Eiche herab. Als dann der Strom ausfiel mussten wir uns alle im Kreuzgang versammeln.

Ich bekam den Auftrag, mit noch einem Mitschüler Tragen und Sanitätstaschen aus dem Pulverturm zu holen. Wir zogen los, über genau die Holzdielen zum Pulverturm. Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber unter uns zischten Blitze in den Wallgraben, wieder und immer wieder, begleitet von tosendem Sturm und lautem Donner. Das war das einzige Mal, dass ich Angst vor Gewitter hatte. Aber auch das ging vorbei.

vom Park aus
Die besondere Physikstunde oben auf dem Turm.

Als ich mit meiner Freundin um das Schloss „wanderte“ kamen wir an einem eingezäunten kleinen Gärtchen vorbei. Der gehörte früher zum Internat. Dort wurden Kräuter, Zwiebeln, Radieschen angebaut, aber auch Erdbeeren.

Jeder von uns hatte auch in der Woche so etwas wie eine Arbeitsstunde für die Gemeinschaft zu leisten. Ich war im Chor und damit war das eigentlich schon abgegolten. Andere moserten aber, dass wir mit der Trällerei zu einfach wegkämen. Und so mussten wir eines Tages in den Internatsgarten. Anstatt die Hacken zu schwingen, machten wir uns über die Erdbeeren her. Es gab schon ordentlich Theater danach, aber in den Garten durften wir nie wieder.

Ich werde wieder kommen, ganz bestimmt.

Ich könnte noch so viel erzählen, denn es strömten so viele Erinnerungen auf mich ein. Es soll aber mal genug sein mit Schwank aus der Jugend und so. Ich bewahre sie gut. Nach Hause gefahren bin ich mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

Ach ja, das Schloss ist jetzt Jugendherberge. Gestern war alles verriegelt und verrammelt. Meine Freundin machte den Vorschlag, dass wir uns doch mal für zwei Tage hier einquartieren sollten. Dann könnte ich auch das Schloss noch einmal von innen sehen und noch einmal da schlafen.

10 Gedanken zu „Man sollte auch mal einen Schwank aus der Jugend erzählen“

    1. Es. ist ein schöner Ort und es war eine gute Zeit, damals und gestern auch. Ich hatte ein Riesenglück, eine wirklich gute Bildung bekommen zu haben. Ich würde gerne etwas davon weiter geben, gerade jetzt. Ich weiß nur nicht wie.
      Lass es dir gut gehen, liebe Karin.

  1. Eine schöne Geschichte, die Du uns da erzählt hast.
    Solche Beiträge mag ich sehr, weil sie mich oft auch zurückführen, zu dem was in meinen jüngeren Jahren passiert ist – und heute auch zu der Überlegung, warum mich so gar nichts drängt, mal wieder an die Plätze meine Kindheit zurück zukehren.
    Aber das könnte guter Stoff für einen eigenen Beitrag werden, wenn ich mal einwenig darauf rum gedacht habe. 😎

    1. Wenn meine Freundin nicht unbedingt dahin wollte, wäre ich nicht gefahren. Aber dann war es doch gut. Es hat Kraft gegeben. Damals dachte ich, dass ich die Welt aus den Angeln heben kann. Besonders in den letzten Jahren wurde ich immer stiller. Das ist nicht gut. Egal, was einem passiert, schämen, verstecken sollte man sich nie.
      Ich hatte letztens einen Beitrag im Radio gehört. Es ging um die Zentralisierung im Bildungswesen. Das hätte es nur zweimal gegeben in der deutschen Geschichte, zur Nazizeit und in der DDR. Und das geht nicht, man braucht Freiheit. Ich hätte mich bald am Kaffee verschluckt. Eine Margot braucht keiner wieder, aber das Bildungswesen war nicht schlecht. Die Finnen waren bei uns oft hospitieren und wo die stehen in der Pisa-Studie, das hat man gesehen. Ich würde gerne mal über solche Dinge schreiben, aber ich glaube, das will gar keiner hören.

      1. Kommt es darauf an, ob jemand etwas hören will?
        Ich denke nicht, denn es ist doch Deine Freiheit über das zu schreiben, was Dich bewegt.
        Ich handhabe das ja auch so – wobei ich schon oft die Erfahrung gemacht habe, dass gerade die Themen plötzlich auch für meine Leser interessant waren, bei denen ich vorher dachte, da würde ich „nur für mich schreiben“.

        Mal abgesehen davon finde ich persönlich das immer wieder richtig spannend, wie Menschen meiner Generation im damals noch „anderen Deutschland“ die Welt als Kinder und Jugendliche erlebt haben, weil es weit ab von dem gewesen ist, wie es bei uns im Westen war.
        Oder vielleicht doch nicht?

        Denn es könnte ja auch sein, dass sich viele Dinge hüben wie drüben ganz ähnlich abgespielt haben, viel ähnlicher, als ich mir vorstellen kann….

        Parallelen gibts dabei sicher auch:
        Der erste Schultag – die Angst vor Klassenarbeiten – Schularbeiten auf dem Schulklo – geschwänzte Tage, weil der Badesee einladender war als das Klassenzimmer – die erste Liebelei – Marotten der Lehrer….
        Da fällt mir eine ganze Menge ein.
        Also immer her damit 🙂

        1. Ja, genau. Und man müsste viel mehr darüber miteinander reden. Es gibt sie nun mal, die Gemeinsamkeiten und es gibt auch Dinge, über die man erzählen sollte, weil sie gut waren und nicht vergessen werden sollten, hie und da.

      2. Erstens ist es doch egal, was jemand hören will und zweitens, mich würde das tatsächlich interessieren. Als Westlerin ist meine Vorstellung vom Bildungssystem der DDR sicherlich sehr von der Vorstellung geprägt, dass nur linientreue studieren konnten und das eben nicht jeder die gleiche Bildung erhalten hat, bzw. das machen konnte, was er wollte. Ich gebe zu, intensiv habe ich mich speziell mit dem Thema nicht befasst. Da waren andere für mich erst mal interessanter.

        1. Ich sage ja, Margot H. braucht keiner wieder, aber es gab auch viele andere, die Lehrpläne ausgearbeitet haben, für Chancengleichheit sorgen wollten,…. Mich hat immer interessiert, wie man lernt, also die Lernmethoden und wie man das vermitteln kann. Ach Mensch, jetzt packt es mich schon wieder. Und ich wollte darüber nie wieder nachdenken.

  2. Was für schöne Erinnerungen du mit uns teilst Gudrun. In einem Schloß lernen, wohnen. Das kann nicht jeder von sich erzählen. Ich habe nach der 10. Klasse eine Lehre angefangen und die Berufsschule war jeden Tag mit dem Bus in 20 Minuten erreicht. Da gab es keine tollen Geschichten zu erleben.
    Schön, dass deine Freundin dich begleitet hat. Ihr solltet es machen: da mal einquartieren. Ich wünsche es dir.
    Liebe Grüße in den Abend von Kerstin.

  3. Da beneide ich dich jetzt ein kleines bisschen, dass du in so einem schönen Schloss gelebt hast, liebe Gudrun… Wie gut, dass dieses romantisch und verzaubernd anmutende Bauwerk heute noch steht, und dass du uns auf einen kleinen Ausflug in deine Vergangenheit mitgenommen hast.
    Herzliche Grüße!

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