Schwarz und Weiß und einiges dazwischen – wie die Farben der Elster.

Dauerregen. Macht nichts, ich hatte ihn mir ja gewünscht. Also habe ich mir Tee gekocht, mich in meinen Sessel gepackt und mir wieder eine Vorlesung von Frau Prof. Gerok-Reiter zur Ästhetik in mittelalterlicher Literatur angehört. Dass mich Sprachgeschichte sehr interessiert, ist ja nun kein Geheimnis mehr. Was ich aber nun hörte, überraschte mich sehr.

Kennt ihr Parzival?
Nein, wenngleich ich das auch mal wieder gerne möchte, ich gehe jetzt nicht mit euch in die Oper. Mich beschäftigt ein Beispiel aus der Vorlesung von Frau Prof. Gerok-Reiter, in dem es um einen Auszug aus dem Versroman Parzival von Wolfram von Eschenbach ging, das Elstergleichnis oder Denken in Schwarz und Weiß. Eschenbach schrieb sein in Versform gehaltenes Werk um 1200 und noch immer kann es einen beschäftigen, so wie eben auch Wagner seinerzeit zu seiner Oper inspiriert hat.
Und was hat mich nun so in den Bann gezogen?

Bei Regenwetter nachgedacht über die Farben der Elster.

Bei Wikipedia steht:
Der Parzival-Stoff behandelt komplexe Themengebiete. Es geht um das Verhältnis von Gesellschaft und Weltferne, die Gegensätze zwischen Männerwelt und Frauenwelt, die Spannung zwischen der höfischen Gesellschaft und der spirituellen Gemeinschaft der Gralshüter, um Schuld im existenziellen Sinn, Minne und Sexualität, Erlösungs-, Heils-, Heilungs- und Paradiesesphantasien.

Ich habe die Seite verlinkt.

Also, einiges aus der Aufzählung findet man auch heute noch, auch in so manchen zum Teil recht heftigen Diskussionen. Jeder hat seinen Standpunkt und vertritt und verteidigt den eisern und verbittert. Keinen Zentimeter zur Seite, nie eine Bedenkzeit einräumen und wenn es sein muss, auch recht drastische Worte wählen, um die eigene Entschlossenheit und Stärke hervorzuheben.
Schwarz und Weiß. Nichts dazwischen.

Schade, denn an dieser Stelle ist wiewohl jegliche Diskussion zu Ende.
Und was hat Parzival nun damit zu tun?

Parzival ist ein schöner Mensch in einer behüteten Umgebung. Er hat aber auch in seinen jungen Jahren viel Schuld auf sich geladen. Also :

geschmæhet unde geziret
ist, swâ sich parrieret
unverzaget Mannes muot.
als agelstern varwe tuot.
Der mac dennoch wesen geil:
 wand an im sint beidiu teil, 
des himels und der helle. (…)            

Schädlich und Schön ist (aber) das,
wo sich miteinander verbinden
männliche Unverzagtheit (und deren Gegenteil)
– eine Mischung: wie die Farben der Elster.
Dieser darf doch hoffnungsvoll sein,
denn er hat an beiden Teil, am Himmel und der Hölle.

Vers 1,3 – 1,9; mitgeschrieben in der Vorlesung

Tja, die Elstern vereinen nicht nur Schwarz oder Weiß in ihrem Federkleid, sondern gleichwie auch Zwischentöne. So wie es in unserem Denken und Handeln nicht nur Schwarz und Weiß, Gut oder Böse, gibt. Ab und zu, gerade bei den Zwischentönen, genauer hinsehen, erweitert den eigenen Horizont. Einerseits findet man die eigene Auffassung bestätigt und andererseits schiebt sich manchmal der eigene Grenzzaun ein ganzes Stücke weg und die eigene Meinung wandelt sich.

Selbst wenn man verschiedener Meinung ist und vielleicht auch bleibt, heißt das nicht, dass man jemandes Feind ist, Freundschaften beenden muss, auf den Feldherrenhügel zieht. Das wusste Wolfram von Eschenbach obschon um 1200. Und genau das fand ich so faszinierend.

Warum ich die beiden Elstern mal gezeichnet habe, weiß ich nicht mehr. Mein alter Blog ist im Nirvana, aber die Zeichnung habe ich noch und zeige sie mal. Und der Herbst passt darüber hinaus auch.

Schwarz und Weiß und viele Zwischentöne


13 Gedanken zu „Schwarz und Weiß und einiges dazwischen – wie die Farben der Elster.“

    1. Ich meine nicht nur das, Isa. Ich möchte einfach, dass wir uns einander besser zuhören und besser verstehen, wieder eine Diskussionskultur entwickeln. Und dass alles etwas freundlicher und wird.

  1. Liebe Gudrun,
    mir fehlt es, dass man anderen auch mal eine andere Meinung zugesteht, ohne ihn gleich anzugreifen. Zumal es tatsächlich nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern ganz viele Grautöne.
    Sich in andere mal hineinversetzen, um deren Standpunkt zuverstehen, was ist daraus geworden? Das bedeutet ja nicht, dass man seine eigene Meinung ändern muss. Es bedeutet nur, Verständnis zu entwickeln. Das, was wir uns alle wünschen. Verstanden zu werden. Und manchmal gewinnen wir dabei sogar neue Erkenntnisse. Wenn man es einfach nur mal zulassen würde, andere Möglichkeiten in Erwägung zu ziehen, und nicht nur blind auf etwas zu beharren. Abwägen und neu entscheiden.
    Mehr Respekt wäre schön. Ich bin richtig traurig, wenn ich das bei FB manchmal in Kommentaren verfolge, wie Menschen dort miteinander umgehen. Und zum allerersten Mal verstehe ich Menschen, die FB schon öfter mal den Rücken kehren wollten. Ich dachte die Tage auch daran, zu gehen, um mich selbst zu schützen. Das erste Mal. Daher war ich auch eine Weile weniger bei FB. Vorerst bleibe ich aber, ich werde nur weniger in Kommentaren lesen.
    Besonders genervt bin ich von Menschen, die sagen: „Wenn du Wahrheit und Klarheit nicht verträgst, dann bleib doch in deiner Wattewelt. Punkt!“ Oder so ähnlich ausgedrückt. Manchmal gibt es noch Beleidigungen on Top.
    Ich bin der Meinung, man kann Wahrheit und Klarheit auch freundlich ausdrücken, nicht so, als würde man jemanden verbal ins Gesicht schlagen.
    Klar, jeder ist auch mal wütend, und dann … na ja. Aber so sollte man nicht kommentieren. Meine Mutter hat immer gesagt: „Am besten schläft man erstmal eine Nacht darüber…“ Das beherzige ich oft. Ich rege mich auch manchmal auf, zetere für mich alleine und wäge die Dinge ab. Manchmal erübrigt sich dann für mich ein Kommentar. Kommentiere ich dann doch, kann ich damit viel sachlicher umgehen.

    Das mit den Zwischentönen, was du geschrieben hast, das gefällt mir sehr gut. Genau so sehe ich das auch.

    Ganz liebe Grüße zu dir,
    Martina

    1. Liebe Martina, du sprichst mir aus dem Herzen. Ich wollte fb auch schon den Rücken kehren aber dann würden mir die Menschen fehlen, die mir lieb geworden sind. Mit allen bin ich durchaus nicht einer Meinung, aber sie bedrängen mich nicht. Und das Nachdenken über eigee Positionen schadet nicht.
      Und du? Bleib bitte.
      Ganz liebe Grüße zur Buchstabenwiese

  2. Ach Gudrun, es gibt bestimmt viele Situationen, wo dieses Schwarz und Weiß und ganz viel Grau zutrifft und wo man sich gegenseitig zuhören soll.
    Aber wenn der oder die andere eine sehr aggressive und vor allem rücksichtslose und falsche Meinung vertritt, dann fällt es mir schwer. Wie haben beim Doko eine Frau, die sich ein (gefälschtes) Attest besorgt hat, um keine Maske tragen zu müssen. Dabei gibt es diese großen Plastikschilde, die die Atmung überhaupt nicht beeinträchtigen. – Aber sie findet alles mit Corona falsch, war aktiv auf dieser Demo und vertritt ihre Auffassung konsequent. – WIE sollte ich mich mit so einer Person unterhalten oder gar diskutieren. Da vermeide ich lieber jegliches Zusammentreffen, denn wen die weltweite Gefahrensituation nicht überzeugen kann, den könnte ich schon gleich gar nicht überzeugen, aber dem MÖCHTE ich auch gar nicht zuhören.
    Deine gezeichneten Vögel sind sehr schön.
    Liebe Grüße von Clara

    1. Ach, Clara, natürlich sind auch immer Grenzen gesetzt. Das geht mir genauso, wie du es hier beschriebe hast. Ich hatte eine Spinnerin, die ich über diverse Spinngruppen kennengelert habe.Wenn dann dauernd in meiner Timeline solcher Mist seht wie die Masken sprechen für die Islamiserung des Abendlandes dass sich europäische Frauen verhüllen müssen dan hört bei mir jegliche Diskussion auf. Bei meiner Freundin gebe ich mir mehr Mühe. Da fliegen auch mal die Fetzen, aber wir kennen uns schon viele Jahre.
      Ich habe aber trotz allem das Gefühl, dass man gerügt wird, wenn man nicht immer zu 100% zustimmt. Und genau das würgt allen Gedankenaustauch ab.
      Ich denke, bei den von uns beiden   Fällen ist die Farbe tiefschwarz. Ausfallend werden wir beide aber nicht.
      Liebe Grüße zu dir, liebe Reise-Clara.

  3. Ich habe solche Probleme im sog. realen Leben kaum. Natürlich habe ich auch schon Kontaktabbrüche erlebt, aus ganz verschiedenen Gründen. Manchmal geht es eben nicht mehr und das ist dann auch in Ordnung so. Es gibt Grenzen, die sind für jeden anders. Aber manchmal gibt es auch Missverständnisse, die sich nicht ausräumen lassen oder jemand ist auf Grund von Krankheit nicht in der Lage, Auseinandersetzungen zu führen. Borderline z.B. Da habe ich das schon öfter erlebt, auch wenn ich mit dieser Diagnose immer sehr vorsichtig bin und auch schon erlebt habe, das jemand seine Diagnosen vor sich her trägt und damit alles erschlägt. Aber gerade dieses schwarz-weiß und nix dazwischen ist ein typisches Merkmal der Borderline-Erkrankung.
    Die Unkultur des Miteinander umgehens erlebe ich vor allem im Netz und vor allem mit Leuten, die gar nicht wirklich an einem Austausch interessiert sind. Zum Glück erlebe ich das im „realen“ Leben tagtäglich anders.
    Mir selber geht es aber auch so, dass ich manchmal auch nicht mehr reden will, wenn aus der Meinung des anderen eine gewissen Haltung hervorgeht, die meine Grenzen überschreitet.
    Ich will nicht mit jedem reden, ich muss aber auch nicht auf Teufel komm raus auf meinem Standpunkt bestehen, wenn mich jemand davon überzeugt, dass der falsch ist. Martin und ich sind ja nun wahrlich auch nicht immer einer Meinung und da wird dann auch mal gestritten und gerungen. Aber immer mit der Prämisse, es geht nicht darum, den anderen zu vernichten oder ihn klein zu machen, es geht darum, Standpunkte und Meinungen auszutauschen.

    1. Eben genau das ist mir wichtig: Es geht nicht darum, jemand zu verichten oder ihn klein zu machen. Und doch passiert das immer wieder. Machmal ist es vielleicht unbewusst so, manchmal wird so manche dauermotzender Größe nachgeahmt. Und ich erwische mich dabei, dass ich oft keine Lust auf Diskussion habe. Hinnehmen kann ich aber auch nicht alles. Themen und Wortwahl sind manchmal so, dass meine Mutter mich abgerüffelt hätte, würde ich so auftreten.
      Mal sehen, was das noch wird.

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