Fotografieren im ehemaligen Blechverformungswerk

Ein Abenteuer mit beklemmenden Gefühlen.

Ich wollte Fotos machen, allerdings war ich auch sehr gespannt, was ich mitbringen würde. Und so bin ich mit der Tochter in eine RIndustrie-Ruine gestiegen. Das ehemaligen Blechverformungswerk in Leipzig hatte mich angezogen..

Blechverformungswerk Leipzig
Ruine des „Blechverfprmungswerk Leipzig“ mit den legendären Schornstein-Resten

Da wollten wir also hinauf. Das Blechverformungswerk in Leipzig kannte ich, war aber nie drinnen. Wenigstens jetzt wollte ich es von Innen sehen und fotografieren. Es sollten keine Alles-ist-gut-Fotos werden. Und das wurden sie ja dann auch nicht.
Wir rollten uns unter dem blauen Tor durch und gingen am Rest des legendären Schornsteines vorbei, der bei seiner Sprengung die ganze Gegend mit Schlamm überzog.

Wir standen in einer großen und hohen Halle, die sowohl mit Stahltreppen, als auch mit Laufgängen durchzogen war. Das Blechverformungswerk ereilte 1092 das gleiche Schicksal von vielen Produktionsstätten hier im Osten. Es wurde „abgewickelt“. Der Markt für Fahrzeug- und Landmaschinenbau war längst aufgeteilt. Man brauchte keinen zusätzlichen Konkurrenten, wenngleich er auch über Erfahrungen und gute Geschäftsbeziehungen verfügte. 

Die Stille war bedrückend. Ab und an flog eine Taube gurrend auf. Das war alles. Ich konnte mir vorstellen, wie es klang, wenn Dampf zischte, Stahl auf Stahl schlug, ein Deckenkran ächzte und stöhnte, Menschen sich Kommandos zuriefen. Ich gäbe viel darum, wenn mir jemand von denen, die hier gearbeitet haben, erzählen würde, wie der Alltag aussah.

Wir kraxelten langsam bis nach ganz oben, über die verrosteten Treppen und Laufgänge, vorbei an Rohren, Schächten, riesigen Ofenklappen, verrosteten Trägern und Gestängen. Es ist schon erstaunlich, wie die Natur sich ihren Lebensraum zurück erobert. Eigentlich braucht sie uns nicht.

Durch das kaputte Dach schien die Sonne. Hell war es auf den Treppen und Gängen. Ich stellte mir vor, wie die Werkssirene tönt. Feierabend oder Schichtwechsel. Menschen eilen die Treppen hinab. Es gab noch andere Gebäude. Und da wollten wir auch noch hin.

Überall war es nicht so hell und lichtdurchflutet. Ich weiß nicht, warum ich keine Angst hatte vor den ganz dunklen Ecken hatte. Nein, Licht wollte ich für meine Fotos gar nicht haben. Ich wollte unbedingt diese Stimmung so einfangen, wie sie war: düster und auch beklemmend.

Durch Waschräume kamen wir. Auf einer Konsole stand zum Beispiel noch eine Dose Ata. Ein Stück weiter standen ein Aschenbecher und Kaffeetassen herum. Überhaupt hatten wir das Gefühl, dass das Verlassen des Werkes damals ganz schnell ging. Irgendwer hatte seinen Helm auf einen Tisch gelegt und war einfach gegangen. In den Aktenordnern fanden sich Dienstpläne und Gehaltsabrechnungen, Protokolle von technischen Durchsichten, Rechnungen und Verträge. Ich hätte am liebsten alles mitgenommen und zu Hause gelesen.

Gardinen hingen noch an den Fenstern und jemand hatte seine Pflanze vergessen, die noch neben der alten Rechenmaschine stand. Es berührte mich zu sehen, dass Arbeiter oberhalb ihrer Tür zur Werkstatt einen Nistkasten gehängt hatten. Wer mag das gewesen sein?

Der Tag wird mir immer in Erinnerung bleiben, eben weil er mich so ergriffen hat. Auf meinem alten Blog hatte ich schon mal Fotos von meinem abenteuerlichen Ausflug, aber der hatte sich ja für immer verabschiedet. Jetzt habe ich die Bilder in Affinity Photo nochmal bearbeitet und einen neuen Beitrag geschrieben.
Und wenn jemand einen kennt, der einen kennt, der hier gearbeitet hat, der darf mir das ruhig erzählen. Ich möchte gerne mehr darüber wissen.
Die Aussicht von ganz oben ist schön, gell?

6 Gedanken zu „Fotografieren im ehemaligen Blechverformungswerk“

  1. Solche Lost places haben schon ihren Reiz. Ich bin auch mal irgendwo im Süden von Leipzig um so ein Gebäude rum (rein kam man nicht) In Eutritzsch, wo ich damals gewohnt habe, gab es auch so verfallende Fabriken.

    1. Die sieht man heute noch, wenn man mit der SBahn fährt. Die Betriebe hatten meist Gleisanschluss und so juchtelt man jetzt durch solche Geistergebiete. Mich machen solche Orte immer traurig, weil es zu viele davon gab.
      Damals haben wir uns unter dem Tor durchgerollt. Ich weiß nicht, ob ich das heute nochmal machen würde.

  2. An deinen Eintrag im alten Blog kann ich mich noch gut erinnern. Da entstanden wirklich sehr emotionale Momente. Letzte Woche gab es eine Reportage im TV mit Rückblick und Erinnerungen von Menschen, die an den heutigen Lost Places einst gearbeitet haben. Dahinter stehen jede Menge ungeschriebene Geschichten. Genauso wird es auch in eurem alten Blechverformungswerk sein, wenn es recherchiert würde. Da kann man schon neugierig werden, wenn man sich die Utensilien in den verlassenen Räumen betrachtet.

    1. Liebe Isa,
      Ich hatte bei Einkaufen mal ein Gespräch mit einer Frau, die in unserer Spinnerei gearbeitet hatte, in Schichten. Sie hat vier Kinder großgezogen und hat ihre Arbeit geliebt. Leider habe ich vergessen zu fragen, ob sie mir ihre Geschichte erzählt und ob ich sie aufschreiben kann.
      Nicht nur diese Geschichten geraten in Vergessenheit, die Menschen manchmal auch. Vielleicht fange ich mal an zu sammeln.
      Ich grüße dich herzlich.

  3. Beeindruckende Bilder sind das, liebe Gudrun. Eine ganz besondere Stimmung. Sehr erstaunt hat mich das Foto mit den Blättern auf dem Boden und das mit dem Helm: Eigenartig, dass dass alles einfach so liegen blieb. Beim Anschauen und Nachspüren kommen schon verschiedene Fragen auf. . .

    1. Heute würde ich mich da nicht mehr hineinwagen. Sonst hätte ich dich schon mitgeschleppt. 😀
      Ich überlege wirklich, ob ich mich nicht mal aufmache und Geschichten sammele.
      Liebe Grüße an dich.

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