Kurzer nachdenklicher Post aus dem Stubenarrest.

Ja, ich habe mir Stubenarrest verordnet. Es wäre für mich eh nicht leicht, nach Draußen zu gehen. Meist war immer jemand dabei. Meine Freundin z.B. Jetzt möchte ich niemand bemühen, denn jeder hat mit sich zu tun. Vielleicht ist es besser, mal zu Hause zu bleiben. Ungeduld würde mir bestimmt eher schaden.

Fensterblick

Es ist schon spät, verdammt spät. Und trotzdem habe ich den Rechner nochmal angemacht, um zu schreiben aus meinem Stubenarrest. Leicht ist das in der Stadt gerade für keinen. Wir sind so viele, aber mit Abstand getrennt, manchmal allein. Und dabei haben wir gerade eine Woche weg. Ich weiß nicht, was alles noch werden wird, will es nicht wissen.

Ein schöner Tag war es heute, eigentlich. Frühlingshafte Temperaturen hatten wir, die Sonne schien, die Vögel zwitscherten. Ich saß mit dem Kaffeepott lange auf dem Balkon. Normalerweise wäre ich in den Gastgarten gegangen. So vieles ist aber jetzt anders. Fast wären mir wieder die Tränen gekommen, aber ich will das nicht. Wiewohl habe ich es verdrängt.

Ein nützliches Hilfsmittel im „Projekt Selbermachen“

damit die Stricksachen passen

Zum Geburtstag habe ich mir eine Schneiderpuppe gegönnt. Ich möchte jetzt unbedingt anfangen, mir einen Pullover zu stricken. Den dann immer an zu probieren vor dem Spiegel ist mir zu anstrengend. Es tut verdammt weh, die Arme zu heben. Die Puppe kann ich besser anziehen.

Wolle spinnen im Stubenarrest

Die Zeit im Stubenarrest ist gut geeignet, das Garn für den Pullover zu spinnen, weißes aus der Wolle der Leineschafe und graue von den Gotlandschafen aus dem Landkreis.
Spinnen beruhigt mich immer ganz gut und lässt mich meinen gegenwärtigen Kummer ob der Situation vergessen.

Stubenarrest und Blick aus dem Fenster

die Straßenbahn

Draußen fährt die Straßenbahn vorbei. Am Sonntagnachmittag und bei dem Wetter wäre sie unter anderen Umständen voll gewesen. Seitdem das Virus herumgeistert ist sie fast leer. Die Leipziger bleiben vielmehr zu Hause.

Es wird langsam dunkler draußen. Dennoch setzen die letzten Sonnenstrahlen noch einmal interessante Lichtpunkte. Durch die noch blattlosen Bäume kann ich bis zum Lindenauer Hafen schauen. Zu gerne wäre ich jetzt dort um zu sehen, ob die Schlehen blühen. Bestimmt hätte ich dann einen Zweig mit nach Hause genommen.

Blick aus dem Stubenarrest: der Lindenauer Hafen aus der Ferne

Für einen kurzen Moment spiegelt sich die Sonne in einem Fenster des alten Speichers. Rot blitzt es durch die Bäume. Fast ist es, als blinzelt mir die Sonne zu. Ich schniefe mal kurz und wende mich wieder dem Spinnrad zu.

Ich weiß, die Nerven liegen manchmal blank. Lasst euch nicht unterkriegen und hadert nicht mit euch oder anderen. Wir lesen uns. Bleibt gesund.

19 Gedanken zu „Kurzer nachdenklicher Post aus dem Stubenarrest.“

  1. So verschieden wie wir Menschen sind, so unterschiedlich belastet uns auch die Corona-Krise, einige stecken sie recht locker weg und kommen ziemlich rasch den Umständen entsprechend gut damit zurecht, anderen schlägt sie düster auf’s Gemüt, lässt vielleicht sogar tief vergrabene Ängste und Traumen wieder hervor treten…
    Ich wollte, ich könnte helfen. Aber ich kann nur hoffen, dass wir alle diese Zeit so gut wie unbeschadet überstehen werden. Und versuchen, mein Mantra bei jeglichen Krisen zu übermitteln: Das Glas ist immer halbvoll. 😉
    Sei lieb gedrückt – und bleib gesund!

    1. Stimmt, wir sind da schon sehr verschieden und versuchen auch ganz verschiedene Wege, um durch die Krise zu kommen. Schmerzlich ist mir klar geworden, dass ich zur Risikogruppe gehöre, nicht nur vom Alter her. Nicht helfen zu können war noch nie an der Tagesordnung.
      Liebe Freidenkerin, pass auf dich auf und bleib gesund. Das wünsche ich mir sehr.

  2. Hallo Gudrun

    Dieser Virus hat doch schon einiges verändert in unser alle Leben und in dem was um uns herum passiert. Er hat Auswirkungen, mit den wir nicht gerechnet haben – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne, wobei auch die negativen für Menschen in unserer Situation (Deiner wie meiner) vermutlich verschmerzbarer sind als für manche anderen Menschen, denen jetzt Geschäft oder Job wegbrechen.

    Insofern betrachte ich das, was gerade passiert für mich auch als vorübergehend. Denn die „Zeit danach“ wird sich für mich nicht grundlegend von der „Zeit davor“ unterscheiden.
    Das „Schlimme“ im Augenblick ist eher, dass ich nicht wirklich helfen kann, weder in meinem Beruf, noch ehrenamtlich, obwohl ich genau weiss, wie viel Hilfe da an vielen Stellen nötig wäre.
    Doch was nicht geht, geht halt im Augenblick nicht, weil ich selbst zu sehr gefährdet bin.

    Immerhin könnte sich daraus aber eine Perspektive für mich entwickeln, wenn sich das Leben wieder normalisiert hat. Bis dahin werde ich (muss ich) die Füsse halt still halten… und darauf achten, gesund zu bleiben.
    Und genau das ist gerade das grösste Ziel: Gesund bleiben.
    Alles andere kommt danach … und dann wird sich auch wieder finden, was das Leben an Schönem zu bieten hat.

    In diesem Sinne:
    Bleib behütet und bleib gesund.

    1. Manchmal gibt es Momente, die sind schön. Und dann vergesse ich, was um uns ist. Wenn ich dann die Zahlen sehe, weltweit, dann fährt es mir schmerzhaft ins Gebein.
      Ich muss an meiner Mobilität weiter arbeiten. Dann kann ich wieder ehrenamtlich tätig sein. Ich weiß auch schon wo. Ich kann zwar nicht gut laufen, aber mein Kopp ist in Ordnung.
      Wir müssen sehen, lieber Herr Momo, dass es uns nicht einschlägt im Kontor. Vielleicht hat mein so übereifriges Immunsystem nun endlich mal was zu tun und zwackt nicht mer so viel an mir herum. Wer weiß?

  3. Schon 3 Wochen bin ich jetzt in Stubenarrest, den ich mir selbst verordnet habe. Ja, es gibt Tage, an denen auch mir die Decke auf den Kopf fällt. Aber im Allgemeinen fühle ich mich wohl in der Wohnung und auf meinem Balkon. Komisch ist allerdings, dass ich Vieles zu tun hätte, aber irgendwie habe ich zu nichts Lust. Jetzt habe ich mal den Balkon in Angriff genommen, um ihn für den Sommer fit zu machen. Fenster sollte ich auch noch putzen vor Ostern. Mal sehen, vielleicht schaffe ich das morgen. Einkaufen tut mir eine liebe Nachbarin. Nach Ostern werde ich dann auch mal wieder raus gehen. Bleib gesund, liebe Gudrun.

    1. Da geht es uns beiden gerade ähnlich, liebe Ute. Ich wünsche dir viel Gesundheit. Wir müssen da durch. So geht das nämlich gar nicht, gell. (Ums Fensterputzen drücke ich mich auch noch herun.)
      Liebe Grüße in Ländle, so von Balkon zu Balkon.

  4. Jeden trifft diese Situation anders… und jeder geht anders damit um. Wie Margot schon schrieb, bei manchem kommen vielleicht auch alte Ängste und Traumata wieder hoch, manche müssen wirtschaftlich bangen, was zusätzlich belastet. Insofern geht es uns beiden hier gut. Uns bricht erst mal weiter nichts weg. Und so gesehen betrachte ich es noch relativ gelassen, dass ich nicht nach Schleswig-Holstein kann, dass unser Urlaub den wir eigentlich Morgen hätten antreten wollen, gestrichen ist. Trotzdem habe ich schon auch Sorgen, dass einen von uns der Virus trifft.
    Mich beschäftigt das Thema ja beruflich fast den ganzen Tag, auf mich prasseln unendlich viele Infos ein und bei uns geht es jetzt vor allem darum. Das ist ziemlich anstrengend. Aber sonst… ich habe es nach wie vor sehr gut, anstrengen tun mich diese Wochen aber auch sehr.

    1. Oh ja, dass diese Wochen anstrengend für dich sind, ist mir bewusst. Bei dir läuft viel zusammen.
      Wirtschaftlich bangen muss ich nicht. An das Wenige, was ich habe, habe ich mich fast schon gewöhnt und manches will ich gar nicht mehr haben. Ich habe eine schöne Wohnung, habe zu essen, kann draußen auf meinem Balkon sitzen, bekomme Hilfe. Was machen all die, die keine Wohnung haben?
      Meine Tochter wollte mich jetzt im Frühjahr besuchen. Das wird nun nichts und auch der Jan kommt zum ersten Mal Ostern nicht zu mir. Anderen geht es ja auch so und trotzdem tut es weh.
      Wenn alles vorbei ist, dann wird das Wiedesehen um so schöner. Hauptsache, ich bleibe gesund.

  5. Lass uns gaaanz oft an das Gute während und nach der Pandemie denken. 🙂 Du wirst umgezogen sein und mehr persönliche Freiheit genießen können. Der Garten wartet auf dich. Einiges kann neu gestaltet werden. Bis dahin können wir Momentensammler sein, gute Momente an Dinge die uns fröhlich stimmen und die uns motivieren den Tag aktiv zu gestalten. „…Nichts ist so schön, wie der Moment, wo alles so ist wie es ghört und das Leben kriegst einfach gschenkt…“ aus dem Lied Momentensammler: Aufgspuit Willy Astor und Martin Kälberer mit Werner Schmidbauer: youtube.com/watch?v=uU1zdLWv_cQ

    1. Danke für’s Erinnern…. das Lied ist wunderschön. Haben wir jetzt sogar schon zweimal live gehört, allerdings ohne Willy Astor, dafür mit Schmidbauer, Kälberer und Pollina

    2. Ja, so ist das wohl. Pläne für danach habe ich und voiele schöne Momente auch. Und trotzdem trifft es mich manchmal wie eine Keule. Das so etwas passiert (und eigentlich war die Möglichkeit immer gegeben) habe ich mir mal nie träumen lassen. Wie man mit Seuchen umgeht und allerlei üblem biologischen Krimskrams, damit musste ich mich in meiner Jugend beschäftigen. Danach dachte ich, dass ich es vergessen kann.
      Keine Angst, liebe Isa. Ich zerbreche nicht, auch wenn mich vieles beschäftigt und hilflos zusehen lässt.

  6. Liebe Gudrun,
    ich hoffe sehr, dass meine Post bei dir angekommen ist, mit der ich dich ein wenig aufmuntern wollte.
    Es ist nicht leicht, ich denke sehr oft an dich und wünsche dir immer wieder Lichtblicke und positive Kraft.
    Ich drücke dich in Gedanken:
    Beate

  7. Tja, einfach ist die Situation nicht. Dabei bin ich noch recht gut aufgestellt, denn ich lebe in einer Hausgemeinschaft, in der es sehr viel Unterstützung gibt und bin geradezu unanständig gesund, also körperlich, psychisch sieht es da schon anders aus und da wird es Zeit vorsichtig zu werden, sich mehr zurück zu ziehen, in vielen Bereichen, was nun nicht bedeutet, dass ich mich eingraben will, nur eben ein wenig weniger im Außen.
    Ich bin sehr gespannt auf deinen Pullover und wünsche dir, dass du gut über diese anstrengende Zeit kommst.

    1. Noch bin ich am Spinnen der Wolle. Die Maschenprobe stimmt nicht ganz. Ich werde wieder rechnen müssen. Und aufdröseln. Und fluchen. Und nochmal das ganze. Aber irgendwann hab ich es.
      Zurücknehmen, ja, das steht bei mir auch an.
      Ich schicke dir Grüße in den Norden. Bleib gesund, liebe Karin.

  8. Ihr Lieben,
    eigentlich beantworte ich Kommentare gern. Ich werde es auch diesmal machen, versuche das morgen mal. Heute fehlte mir einfach die Kraft.
    Ich danke euch heute nur erstmal, dass ihr da wart. Das gibt mir sehr viel. Und deshalb ist es mir das Wert, dass nicht alles einfach so stehen bleibt. Also bis morgen, mit neuer Kraft,
    eure Gudrun

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