Der Himmel weint gerade und ich mache gleich mit.

Die ersten Kisten sind gepackt, die ersten Regale und Wände sind leer. Und mir wird etwas schwer ums Herz.

Bevor der Himmel weint

So werde ich den Himmel nicht mehr sehen können. Ich werde bodenständig, weit nach unten ziehen. Ja, da gibt es auch wieder schöne und interessante Dinge, aber mir ist gerade etwas mulmig zumute. Die ersten Regale sind leer, die ersten Wände auch. Wie unpersönlich das doch gleich aussieht. Draußen fängt es gerade an zu regnen.
Der Himmel weint und ich mache gleich mit.

Der Himmel weint

Heute hatte sich ein kleines, frisches Vögelschen auf meinen Balkon verirrt. Aufgeregt rief es nach seinen Eltern, die ja noch ein Weilchen füttern, wenn die Jungen geschlüpft sind.
Wie trocken es ist. Meine Bäume und Büsche vor dem Haus sehen arg schlaff aus. Ganz vorsichtig habe ich dem kleinen Grünfink ein Schälchen Wasser hingeschoben. Er wollte es nicht und flog davon. Ich habe ihn lange gehört im Innenhof. Ach, wenn es doch wenigstens regnen würde.

Am Abend zogen Wolken auf, die Schleußen öffneten sich und es begann zu regnen. Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass der Himmel weint. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es war wie ein Signal. Draußen tropfte der Regen auf die Balkonbrüstung und drinnen hockte ich im Sessel und musste weinen.
Vielleicht hatte ich zuviel verdrängt in den letzten Tagen, zum Beispiel die Frage, wie ich die nächsten Jahre leben will.

Wie will ich leben?

Wenn ich morgens die Augen öffne, dann blicke ich auf ein Ölbild, welches mir Jan aus Schweden mitgebracht hat. (Hier Ausschnitte)
So möchte ich leben, an einer Wiese, mit Tieren, Pflanzen und Blumen und mit Kaffepause unter den Bäumen. Nein, Luxus brauche ich nicht. Den ganzen Sommer möchte ich Vorräte anlegen, Holz sammeln für den Winter, die Schafe scheren und die Wolle waschen, damit ich im Winter zu spinnen habe.

Wolle tausche ich gegen eine neue Sense, Eier gegen Milch. Am Nachmittag mache ich Hausaufgaben mit den Nachbarkindern, denn den Acker kann ich nicht mehr bestellen. Und dafür bekomme ich Äpfel und Kartoffeln.

Ich höre hier auf, denn es ist eine Illusion. So kann ich nicht leben. Ich kann es mir nur einrichten, so gut es geht. Bestimmt wird es in der neuen Wohnung wieder gemütlich und mal sehen, was ich für Nachbarn habe.

Meine Familie fehlt mir

Morgen kommt der Jan mit einem Kumpel nach Leipzig. Sie werden in den Garten kommen und mit dem Vater grillen und ihm helfen. Wir werden uns erst in 14 Tagen sehen können, der Jan und ich. Jetzt bleibe ich mal außen vor. Es ist für besser, Abstand zu halten. Sahnebonbons bringt er mit, weil ich die so gerne essen. Und wieder kullerten Tränen bei mir.

Meine älteste Tochter meldet sich bei mir fast täglich bevor sie ihre Arbeit im Home-Office beginnt. Die Zeitverschiebung ans andere Ende der Welt schränkt uns ein. „Was, dein Fön ist kaputt gegangen?“, fragt sie. Und kurze Zeit später kommt die Nachricht: „Am Montag kommt ein Neuer.“ Und wieder kullern …

Meine Tochter aus dem Norden wollte mich im Mai besuchen und bestimmt wäre ich auch am Ende des Sommers an „meine“ Nordsee gereist. Das geht alles gerade nicht so gut. Sie ruft mich so oft an und dann schwatzen wir, was sie so macht, wie sie ihre Fotos plant und die Beiträge für ihre Firma schreibt. Ich darf ein bisschen immer dabei sein.

Meine Kinder fehlen mir so sehr. Aber ich weiß, dass sie mich lieb haben.

Aufrappeln

152 Gramm Wolle

Draußen regnet es jetzt stärker. Die Natur wird sich freuen. Ich merke, dass nur noch der Himmel weint.
Ich habe 152 Gramm Wolle fertig. Noch einmal so viel und dann kann ich mit dem Pullover anfangen. Gut, dass ich mein Spinnrad habe und die Wolle.

Und dann sind da noch die Kuscheltiere meiner Kinder, die ersten, die sie besaßen. Ich wollte mich schon davon trennen, aber wenn ich mir dann vorstelle, dass der Teddy im Müll weint, dann bringe ich es nicht fertig, sie dahin zu bringen.
Den Teddys werden gerade mal die Ohren ein bisschen lang gezogen und Alfred muss mal kurz den Schnabel halten. Nur das Puppenmädchen darf beim Trocknen sitzen. Alle sind jetzt wieder sauber und werden mit mir umziehen.

schnell noch trocknen bevor wieder der Himmel weint

25 Gedanken zu „Der Himmel weint gerade und ich mache gleich mit.“

  1. Mir kullern beim Lesen jetzt auch die Tränen.
    Hätte gerne eine Wohnung auf dem Land gehabt. Mit eigenem Gemüse-und Bauerngarten. Tiere in der Nähe. Jetzt werde ich in der Stadt wohnen, naja nicht so riesig wie Leipzig habe eine Terrasse, Nachbarn, die ich noch nicht kenne.Das meiste ist gepackt. Alles sieht trostlos aus.
    Dann sehe ich die Stofftiere und kann wieder lachen.
    Hey Gudrun, wir meistern diesen Abschnitt in unserem Leben auch noch.
    Kopf hoch, lieben Gruß Marion

    1. Meine liebe Marion, ja, wir meistern das. Und weißt du, was schön wäre? Wenn ich auf der Durchreise an die Nordsee in deiner Stadt mal innehalten und dich mal drücken könnte.
      In der Stadt ist das Leben manchmal um Einiges leichter. Sehen wir es mal positiv.
      Liebe Grüße an dich und die Tochter.

  2. Mir fällt gerade das Gedicht von Hermann Hesse ein:

    Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
    Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
    Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
    Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
    Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
    Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
    Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
    In andre, neue Bindungen zu geben.
    Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
    Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

    Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
    An keinem wie an einer Heimat hängen,
    Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
    Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
    Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
    Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
    Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
    Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

    Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
    Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
    Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
    Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

    1. Danke, du Liebe. Es wird voebei gehen. Es war eben ein bissel viel in der letzten Zeit. Die Packerei, die Kisten und dazu das Geschehen um mich herum, Freunde, die ich nicht mehr vestehe, die Kinder weit weg ..
      Das Gedicht ist sehr schön. Ich werde es mir aufheben.

  3. Liebe Gudrun,
    man darf ruhig mal wehmütig sein und auch mal Tränen vergießen. Das gehört zum Abschiednehmen dazu.
    Es ist auch gerade keine leichte Zeit.
    Du hast das sehr schön geschrieben und die Stofftiere bringen mich zum lächeln. Ich würde es auch nicht übers Herz bringen, sie wegzuwerfen.
    Jetzt bist du traurig, weil du gehst. Aber wenn du in deiner neuen Wohnung ankommst, werden sich neue Möglichkeiten für dich eröffnen, du wirst sehen.
    Alles Liebe für dich,
    Martina

    1. Liebe Gudrun,
      und liebe Martina,
      es berührt mich sehr, was Martina Dir hier antwortet.
      Ein Impuls den ich gerne mit aufgreifen möchte: „Jetzt bist du traurig, weil du gehst“
      Ja, das ist so. Und Du wirst in etwas Neues KOMMEN.
      Das ging mir eben beim lesen durch den Kopf.
      So langsam habe ich wieder den Mut und einen Gedanken an meinen Blog…….. das enstand auch beim lesen. Dann werde ich mal……. spätestens heute abend.
      Lieben Gruß
      von der anderen Martina <3

      1. Wenn Neues beginnen kann ist das schön. Man braucht ein bisschen Zeit, zur Ruhe zu kommen, sich zu sammeln.
        Schön, dass du deinen Blog wieder belebst, liebe Mia. .
        Herzliche Grüße ins Ländle.

    2. Danke, liebe Martina. Vielleicht versucht man generell, immer stark und tapfer zu sein. Und dann trifft es einen doch. Du hast auch Recht, es ist eine besondere Zeit, keine ganz gute. Wir werdn wohl noch durchhalten müssen und ich hoffe, dass wir alles gut überstehen.
      Ich werde mich bestimmt wieder einrichten. Ich muss nur jetzt alles packen.
      Ich schicke dir ganz liebe Grüße.

  4. Dieses träumen von einem Idyll, dass es eigentlich nicht gibt und vielleicht auch so nie gegeben hat, nicht einmal in früheren Zeiten, dass kenne ich auch. Im Hier und Jetzt, im ganz normalen Wahnsinn kann mensch sich nur Nischen schaffen. Anders geht es nicht. So kleine Urlaubsphasen. Ich habe mir für einige Tage so eine gegönnt und merke nun, dass es Zeit wird, wieder daraus hervorzukommen. Die Stofftiere auf dem Balkon sehen so ulkig aus. Die könnte ich auch nicht weggeben. Wenn du umgezogen bist, dann möchte ich dir ein Buch schicken, bei dessen lesen ich an dich dachte. Alles Liebe

    1. Die Stofftiere dürfen bleiben. Sie erinnern mich an die Zeiten, wo meine Kinder noch klein waren, wo alles noch anders war. Schöner, ruhiger.
      Wenn ich es einrichten könnte, würde ich weggehen aus der großen Stadt. Das geht nicht, also werde ich mich einrichten.

  5. Weißt du? Als junges Mädchen wollte ich Nonne werden. Dann Tierärztin, später Entwicklungshelferin. Ich wollte mindestens fünf Kinder adoptieren und mit ihnen in dem Land leben. Ein Buch wollte ich auch schreiben, darüber, wie es wäre, wenn alle Menschen liebevoll miteinander umgehen. Gut, solch ein Buch würde heute sicher in der Rubrik SciFi landen. Keinen dieser Pläne habe ich verwirklicht. Das Leben kam dazwischen. Heute habe ich nach fast 15 Wochen einen meiner Söhne wiedergesehen. Unsere Lampen im Bad und auf dem Gästeklo fielen fast synchron aus. Wir begrüßten uns mit Abstand. Aber beim Abschied gab es diesen einen Moment, diesen Bruchteil einer Sekunde, und wir lagen uns in den Armen. Es ging einfach nicht anders. Uns liefen die Tränen und wir wissen im Prinzip nicht, warum. Es ist die Liebe, Gudrun! Sie ist da und hält uns am Leben. Trotz alledem! Heute habe ich dann laut Musik gehört. Jethro Tull, Queen, Stones, Blues, querbeet. Einfach, um mich lebendig zu fühlen. Leben und lieben! Ich denke oft an dich und deinen Umzug und wünsche dir, dass du viel positives in deiner neuer Wohnung erfahren wirst.
    Herzliche Grüße schickt Elvira

    1. Wir hatten noch keinen Kontakt wieder seit Monaten. Reden können wir miteinander, ja, aber das war es auch. Mich belastet die Situation mit dem Virus. Manche sagen, es ist die neue Pest. Ich habe gelesen, wie es anno dunnemals war. Auch da suchte man Schuldige und auch damals gab es Verschwörungsideen (Theorie sage ich dazu nicht.) Das hat mir sehr zu denken gegeben.
      Auf die neue Wohnung freue ich mich manchmal schon und hoffe, dass es mir dort gefällt und dass ich nette Nachbarn und Hausbewohner haben werde.
      Liebe Elvira, ich chicke dir liebe Grüße.
      Im Laufe der Woche rufe ich dich mal an.

  6. Ich bin sehr dankbar für das Tief Gudrun – es hat so wunderbar und ergiebig geregnet. Nun strahlt wieder alles in frischen Farben.
    Ich wünsche Dir sehr, dass es für Dich auch so ausgehen wird – nach den mühevollen und belastenden Zeiten ein gutes Ankommen in der neuen Wohnung. Und sicher wirst Du dort nette Nachbarn und Hausbewohner haben.
    Ich grüße Dich aus SH
    Lotte

  7. Liebe Gudrun. Jetzt bekomme ich feuchte Augen, so rührend hast du geschrieben. Die Kinder bleiben die Kinder, auch wenn sie noch so alt sind. Wenigstens haben wir heut viel mehr Möglichkeiten, in Verbindung zu treten als wie früher. Aber das Kuscheln, in den Arm nehmen, streicheln, in die Augen schauen – das kann nichts ersetzen.
    Ich grüße dich ganz liebe und drücke dich in Gedanken.
    Viele Grüße von Kerstin.

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